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Langsam trudeln die Kader der ZIA inklusive mir aus ihren diversen Urlauben wieder in Berlin ein. Der Rechner fühlt sich noch steif und eingerostet an. Das Schreiben geht so mühsam und zäh wie das Denken. Ich denke an Werner Enkes Tagesmotto aus "Zur Sache Schätzchen": "Ich müsste tausend Dinge machen, wie schaffe ich zwei?" Und weil das alles noch nicht so richtig funktioniert, denke ich an das Motto der Pfadfinder, bzw. der freiwilligen Feuerwehr – "first things first" – und lese erst mal Rikas schöne Geschichte in www.ampool.de, von der sie schreibt, ich solle sie lesen, weil ich würde auch drin vorkommen. Stimmt. Und der Senior Consultant, der irgendwo in Asien verschollen ist. Was macht der eigentlich? Senior Consultant, bitte melden!
Nun hat es also auch Berlin erwischt, das neue Ding, und ich kann sagen, ich bin fast dabeigewesen. Obwohl ich mich im Nachhinein dafür schäme. Flash Mob nennt sich der wohl am schnellsten und hohlsten drehende Hype, den die Welt je gesehen hat. Gemeint sind damit spontane, über E-Mail, Internet und Handy organisierte Zusammenkünfte von Menschen in der Öffentlichkeit, die dann wenige Minuten synchron irgendetwas Sinnlos-langweiliges tun und sich anschließend wieder blitzschnell in die vier Himmelsrichtungen ihrer noch sinnloseren und langweiligeren Existenzen zerstreuen. Seit knapp einer Woche berichten alle Medien davon und in Berlin, bekanntermaßen die hippste Stadt Deutschlands, hat es ausgerechnet ein großer Radiosender fertiggebracht, den ersten Flash Mob der Stadt zu organisieren. Die trendbewußten Jungs vom Radio hatten vor wenigen Tagen verkündet, man möge sich doch bitte um Punkt 18 Uhr am Brunnen im Sony Center einfinden und solle dort auf den Mann mit dem Regenschirm achten. Der würde dann irgendwas machen und das solle man dann einfach nachmachen. Da ich schon seit Jahren kein Radio mehr höre, wusste ich davon allerdings nichts, erst mein Internet erzählte mir zwanzig Minuten vor dem Startschuss von der bevorstehenden Premiere. Prompt ließ ich alles stehen und liegen, sprang auf mein Fahrrad, keulte wie ein Irrer zum Potsdamer Platz und sagte mir immer wieder "Einmal dabei sein, einmal als erster dabei sein bei dem nächsten großen Ding". Eine Minute vor 18 Uhr komme ich schwitzend am Brunnen im Sony Center an. Dort: außer den üblichen Touristenansammlungen nichts. Oder halt, fast nichts. Ein paar junge Männer in Khaki-Shorts und mit Rucksäcken, die mein untrüglicher Blick für Trendnerds sofort als die Adepten der neuen Flash Mob Bewegung erkennt, stehen ein wenig unschlüssig in der Gegend herum. Einer wirft mir verschwörerische Blicke zu, die ich aber nicht erwidere. Das eigentliche Spektakel spielt sich jedoch um einen Tisch des Café Alex ab, wie ich nach aufmerksamer Beobachtung der Szenerie bemerke. Da sitzt ein Mann in schwarzem T-Shirt und mit blauer Sparkassenangestelltenbrille, umringt von mindestens zwei Dutzend Kameramännern, Radiomoderatoren und sonstigen Medienvertretern. Auf seinem Schoß liegt ein regenbogenfarbener Schirm. Vorsichtig nähere ich mich der Gruppe und höre, wie der Sparkassentyp den Journalisten etwas von "den öffentlichen Raum zurückerobern" in ihre Notizblöcke und Kameras faselt. Wahrscheinlich hat er ihnen kurz zuvor von Howard Rheingold vorgeschwärmt. Der Netztheoretiker Rheingold ist nämlich der Übergott der Flash Mobber, weil er schon vor einem halben Jahr in seinem Buch "Smart Mobs: The Next Social Revolution" die Spontanzusammenrottungen per elektronischer Kommunikation vorausgesehen hat. Paradebeispiel sind ihm die Filippinos, die sich per SMS verabredeten, um ihren Präsidenten Estrada zu stürzen. Dabei haben scheinbar spontane Gruppeninterventionen in den öffentlichen Alltag zum Zweck der Irritation und der Verunsicherung durch absurdes Verhalten eine lange Tradition, das geht nämlich auch ganz ohne Handy und Internet. Man denke nur an die Situationisten oder an die 68er, die gerne stundenlang leere Einkaufswägen durch die Supermärkte schoben, um den Konsum aufzuhalten. Und selbst Christoph Schlingensief gelang es 1998 mit seiner Chance 2000 Bewegung noch, bei einem spontanen Gemeinschaftseinkauf im KaDeWe einen Rausschmiß und etliche Festnahmen zu provozieren. Die Flash Mobber dagegen seien nur auf Spaß aus und vollkommen unpolitisch, heißt es immer wieder. Aha, aber den öffentlichen Raum zurückerobern wollen. Na mal sehen. Gebannt warte ich also, wann endlich die Rückeroberung des öffentlichen Raums beginnt. Das zieht sich ein paar Minuten hin, schließlich müssen erst die Kameras und Mikrofone in Stellung gebracht werden. Endlich steigt der Mann auf eine kleine Mauer und spannt seinen Schirm auf. Die Spannung steigt ins Unerträgliche: was wird er sinnloses machen? Und wieviele werden es ihm gleichtun? Wie werden die Nichteingeweihten reagieren? Und dann kommt der große Moment: der Mann streckt beide Arme weit von sich, als wäre er der Messias. Etwa dreissig Leute im weiten Rund des Sony Center tun es ihm nach. Das wiederum sieht eher aus wie Seniorengymnastik. Ich versuche, auch zum Flash Mobber zu werden und mitzutun, aber ich schaffe es nicht, das Ganze ist einfach zu lächerlich. Kameras flashen, Touristen löffeln weiter ungerührt ihr Eis, kein Mob weit und breit. Jetzt hüpft der Mann auf und ab und seine Getreuen fallen in das Gehüpfe mit ein. Anschließend klatschen alle für 30 Sekunden die Hände über Kopf zusammen. Dann ist der erste Berliner Flash Mob vorbei. Und ich bin dabeigewesen, fast.
Wer im Internet Musik hören möchte, der hat prinzipiell zwei Möglichkeiten: entweder er schaufelt sich über eine der einschlägigen P2P-Plattformen wie Kazaa massenweise mp3-Dateien auf seinen Rechner oder er klinkt sich in den Stream eines der unzähligen Internetradios ein. Beides ist letztlich unbefriedigend. Wer will schon Tausende mp3-Dateien auf seiner Festplatte verwalten. Außerdem kann man in den Tauschbörsen nur finden, was man schon kennt. Und Internetradiostationen unterscheiden sich kaum von klassischen Rundfunkstationen: es sind Spartenkanäle, die auf eine bestimmte Stilschublade oder einen irgendwie zusammengeschusterten Musikmix geeicht sind und man möchte bei jedem dritten Titel aus dem Fenster springen. Bereits seit Herbst 2002 gibt es nun eine perfekte Lösung für dieses Dilemma: LAST.FM, das weniger ein Internetradio als vielmehr eine Jukebox ist. LAST.FM schickt nach der Anmeldung einen Stream auf den Rechner, der zunächst einen vollkommen willkürlich aus dem riesigen Musikarchiv ausgewählten Titel vorspielt. Findet das Ohr Gefallen an der Musik, hört man das Stück einfach bis zu Ende und LAST.FM spielt einem den nächsten Track vor. Verursacht die Musik dagegen Hirnfiepen oder Magengeschwüre, dann drückt man auf dem Webplayer die Taste "don't like" und schon wird ein neuer Titel ausgewählt. Der Clou dabei ist natürlich, dass LAST.FM alle gespielten Titel in einem persönlichen Profil speichert, einschließlich der Information, ob man das Ding nun mochte oder nicht. Und vor jeder neuen Auswahl vergleicht das Programm das eigene Profil mit den Profilen aller anderen Nutzer. Während in klassischen P2P-Netzwerken einzelne Musikdateien ausgetauscht werden, ermöglicht LAST.FM den Austausch solcher Profile, die den persönlichen Musikgeschmack in Form einer Liste von Titeln die einem gefallen und denen, die einem nicht gefallen haben, abbildet. LAST.FM vergleicht die jeweiligen Präferenzprofile miteinander und kann so eruieren, welche Titel dem Hörer wahrscheinlich ebenfalls gefallen werden, weil sie bereits anderen Leuten mit einem ähnlichen Profil gefallen haben. So heißt der Slogan den auch: "Share taste instead of files." Der einfache und elegante Selektionsmodus – "gefällt mir" / "gefällt mir nicht" – ist vollkommen ausreichend um einen musikalischen Geschmack zu definieren und macht ihn zudem vergleichbar. Solchen Systemen, die Geschmacksprofile und komplexe Nutzerdaten softwaretechnisch sozialisieren, gehört die Zukunft, nicht dem bloßen Filesharing. Und schon gar nicht den nach dem alten Modell der Verbreitungsmedien funktionierenden Internetradios. Jetzt bleibt nur noch zu wünschen, dass LAST.FM als portabler Player umgesetzt wird, damit wir künftig auch am – selbstverständlich mit Wireless Lan ausgestatten – Strand, im Park, oder im Zug in den Genuss unserer persönlichen virtuellen Jukebox kommen. Aber das schaffen wir auch noch. LAST.FM – THE LAST ONLINE MUSIC STATION
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