Zentrale Intelligenz Agentur

Die eingebildete Weltmacht

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22.07.2003 | 22:48

Die letzte lange Nacht der Popliteratur

Ich stehe also an der Kasse. Ein Pärchen, das mir vage bekannt vorkommt, begehrt Einlass und zahlt regulär. Ich verwerfe den Gedanken, dass es sich um jemand Bekanntes handeln könnte, da die ja alle auf diversen Gästelisten standen. Wenig später kommt der Mann zu mir und sagt: "Der Stuckrad-Barre kommt aber schon auch, oder?" Ich so: "Äh, vermutlich eigentlich nicht." Er: "Wie er hat abgesagt?! Seit wann wisst ihr das denn? Hat er gerade eben abgesagt oder was?! Kannst Du mir das mal erklären?" Ich: "In Wahrheit hat er eigentlich nie zugesagt gehabt, um ganz ehrlich zu sein." – "Und Zaimoglu auch nicht?" – "Nein." – "Ihr Arschlöcher, dann hab ich jetzt ein Riesenproblem. Ich konnte meinem zuständigen Redakteur beim Tagesspiegel das Ganze nur schmackhaft machen, weil ich die Namen nannte. Du kommst jetzt mal mit raus und erklärst mir das."
Wir gehen raus, und ich erkläre, dass es sich bei dem ganzen eher um ein von J.L. ausgehecktes mediensoziologisches Experiment handelt, dass dem Betrieb seine eigene Fixiertheit auf Big Names zurückgespiegelt werden solle, jedoch zu Anfang durchaus Hoffnung bestanden hätte, das Ding würde so eine enorme Sogwirkung entfalten, dass wirklich alle kommen würden, inzwischen die Dinge aber anders lägen, da uns aufgegangen sei, dass es eh viel besser ist, wenn die saturierten Erfolgsautoren zu Hause blieben und dafür unverbrauchte Talente an den Start gingen ... "Ach und welche, bitteschön?!" – "Naja, das Supatopcheckerbunny zum Beispiel, aber auch Tex Rubinowitz, Wolfgang Herrndorf und Kristof Schreuf..." Bei der Nennung des Namens Kristof Schreuf lacht er hysterisch auf, das sei ja wohl das Allerletzte. "Wieso das?", frage ich. "Ich bin zufällig Kristof Schreuf und weiß von nichts. Danke schön auch!"


16.07.2003 | 09:57

Die Marke. Etwas anderes kommt mir nicht in die Tüte

Das Wort 'Markenartikel' ist eine schlechte Vokabel, ist ein Ausdruck der zwischen Fabrikant und Händler verabredet worden ist. Er hat keinen Anspruch darauf, in das Wörterbuch des deutschen Volkes eingetragen zu werden, das in seinem gesunden Empfinden diese Bezeichnung ablehnt. Wenn die Herren Fabrikanten das aber nicht gelten lassen wollen, so mögen sie sich wenigstens folgendes klarmachen: Der Erfolg der Werbung hängt ebenso wie der Erfolg des Stückes auf der Bühne mit davon ab, daß man die Illusion des Umworbenen, des Zuschauers nicht selbst zerstört. Jeder Blick hinter die Kulissen ist tödlich für die Wirkung, für den Erfolg. Das Wort 'Markenartikel' ist ein prosaischer Begriff, vollständig desillusionierend. Er ist ein Blick hinter die Kulissen. Man sieht da alles Mögliche, was man nicht sehen soll.
J.F: Döbbelin, Buch- und Werbekunst 2/1934


16.07.2003 | 09:56

Aldisierung

Der Gefolgswille des Publikums zum Markenartikel begann langsam abzubröckeln. Der Strom der Käufer wurde plötzlich von unsichtbarer Hand stärker in die Läden der Warenhäuser, Kettenläden u. ä. gelenkt, die schon immer ihre (billigeren) "Eigenmarken" gegenüber dem 'echten' Markenartikel forciert hatten. Da sahen die vielgeschmähten 'Außenseiter' ihre Stunde gekommen: sie warfen sich mit einem ungeheuren Elan auf die Schaffung von 'Pseudomarken', die dem von Herrn Brüning proklamierten Zeitgeist ('Ein armes Land muß billig sein!') weit besser Rechnung trugen als die klassischen Marken. (...)
Viele Hersteller der echten, der 'klassischen' Markenwaren standen diesen Entwicklungen zunächst einmal ratlos und völlig verblüfft gegenüber. Dann fuhren sie den ganzen schweren Geschützpark ihrer Werbung auf. Doch deren Wirkung verpuffte. Eine lähmnde Lethargie begann sich auszubreiten.

aus: Hans W. Brose, Götterdämmerung des Markenartikels? 1934


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