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 Ganz gut über die Bühne gebracht: Das 9to5-Festival (Foto: Jörn Morisse)Das verflixte fünfte oder sechste Jahr in der Firmengeschichte der Zentralen Intelligenz Agentur geht zur Neige – Zeit innezuhalten, die Arbeit niederzulegen und erneut eine Karmabilanz zu ziehen. Nachdem 2006 als annus mirabilis in die Annalen der Firma eingegangen ist, die ZIA von einer Woge der öffentlichen Aufmerksamkeit erfasst wurde und der Media-Gegenwert des ihr gewidmeten Spaltenraums in den Gazetten ins Sechsstellige kletterte, konnte 2007 nur der Absturz folgen: die ausgleichende Gerechtigkeit für zu viel Göttergunst und der Fall, der dem Hochmut auf den Fuß folgt. Antizipiert hatten wir das endgültige Auseinanderbrechen der Firma im Augenblick ihres größten Erfolges bereits in der von Lars Hubrich und Sascha Lobo realisierten Dokumentation "Das Geschäftsjahr 2006/2007" (Achtung, mehrere Teile!), die so etwas wie ein filmischer Grabstein zu Lebzeiten werden sollte. Dass es dann doch nicht so weit kam, muss allen Beteiligten und insbesondere den Neuzugängen unter den Agenten, Sebastian Sooth, Thomas Weyres und Moritz Metz, hoch angerechnet werden. Letzteren aus der Festanstellung losgeeist und befreit zu haben, dürfte dann auch der erste Karmapunkt im Haben sein.
Des Weiteren positiv zu Buche schlägt, dass die ZIA mit der Ausgestaltung und Durchführung des Festivals "9to5.Wir nennen es Arbeit" im August im Berliner Radialsystem noch ein paar mehr hoffnungsfrohe junge Menschen vom Pfad der Tugendhaftigkeit abgebracht und im gleichen Atemzug bewiesen hat, dass sie verantwortungsvoll mit ihr anvertrauten Steuergeldern in fünfstelliger Höhe umgehen kann. Besser als im Rüstungshaushalt aufgehoben war das Geld allemal: Zwei Karmapunkte, wenn man in Rechnung stellt, dass alle Mitwirkenden am Festival – wenn überhaupt – unter Tarif bezahlt wurden und mit ihrem unermüdlichen Engagement am Ende somit nicht mal auf den Stundenlohn einer thüringischen Friseuse kamen. Einen weiteren sauberen Punkt gibt es für die "Lesemaschine", eine glasklar stringente Erweiterung der Riesenmaschine in Richtung Online-Literaturzirkel.
Weil 2007 insgesamt als Jahr der Konsolidierung angesehen werden muss, war es das auch schon mit den Pluspunkten, die sich aus der Kerngeschäftstätigkeit ergeben. Extrakurrikuläre Pluspunkte ergeben sich aus der Tatsache, dass einer unserer Bürostandorte – das Haus der Frohen Zukunft – komplett auf Ökostrom umgestellt wurde. Ferner muss gewürdigt werden, dass die ZIA auf dem besten Wege ist, von einem verlängerten Schlafsofa für Thirtysomethings zu einer veritablen Mehr-Generationen-Firma zu werden. Zusätzlich zu den zwei Kindern, die Hausgrafiker Martin Baaske mit in die Hassliebe einbrachte, wurde ein neues zur Welt gebracht, zwei weitere sind "in der Pipeline", wie es in Angestelltendeutsch heißt. Bald wird Kathrin Passig auf die immer noch bohrende Frage, was sie denn beruflich so mache, im Brustton der Überzeugung antworten können: "Ich leite ein sehr erfolgreiches Familienunternehmen." Vier weitere Pluspunkte, macht sieben.
Aber es sollen auch die Schattenseiten zur Sprache kommen: Bequemlichkeitskorrupt, wie wir sind, ist die komplette Firma auf Skype und Google Docs umgestellt worden. Statt weiter maschinennah an selbst zusammengebastelten Tools zu feilen und zu basteln, tragen wir damit zur weiteren Vermachtung ohnehin schon vermachteter Märkte bei: zwei Minuspunkte. Ein weiterer Malus ergibt sich aus der Tatsache, dass neben einer Reihe weiterer Bücher (von Jörn Morisse allein "Wovon lebst du eigentlich?" und "The Gold Collection", von Kathrin Passig "Lexikon des Unwissens", von Kathrin Passig und Holm Friebe der zweite Aufguss von "Das nächste große Ding" und von Kathrin Passig und Ira Strübel "Strübel und Passig") auch die Riesenmaschine in gedruckter Form erschienen ist, wo sie doch eigentlich so schön den Absprung ins Immaterielle vollzogen hatte. Bruder Baum weint. Pauschal müssen wir schlussendlich zwei Punkte abziehen für alle Menschen, die in diesem Jahr größere Hoffnungen auf die ZIA gesetzt hatten in Sachen Weltrevolution, Befreiung von der Geißel Lohnarbeit und Huldigung der Nagetiere, und die wir auch dieses Jahr wieder enttäuschen mussten. Wie es unter Molekularköchen heißt: Wir kochen auch nur mit flüssigem Stickstoff.
Dafür fällt die Karmabilanz 2007 mit summasummarum drei Punkten im Plus doch noch relativ freundlich aus.
Kaum zu glauben, aber heute hat sich die ZIA zum ersten Mal dazu durchgerungen, einen Newsletter zu verschicken. Mit folgendem Inhalt:
1. Lesemaschine online Seit Anfang November gibt es die Lesemaschine, ein von der Zentralen Intelligenz Agentur initiiertes und von Jochen Schmidts "Schmidt liest Proust"-Blog inspiriertes Blog für betreutes Lesen. In der Lesemaschine lesen unterschiedliche Personen unterschiedliche Bücher und kommentieren sie; alle anderen lesen mit oder auch nicht, genau weiss man das ja nie in diesem Internet. Gelesen werden zunächst "Meine wichtigsten Körperfunktionen" (Bettina Andrae), "Mecki im Schlaraffenland" (Jan Bölsche), Descartes' "Meditationen" (Ruben Schneider), "The Power Broker" (Kai Schreiber), "The Road to Reality" (Aleks Scholz) sowie alle anderen Bücher (Kathrin Passig). Zahlreiche weitere Leser haben sich bereits angekündigt und werden im Laufe der nächsten Wochen zugeschaltet.
2. "Wovon lebst du eigentlich?"-Releasepartys in Berlin und Hamburg Welche Kompromisse müssen und wollen bildende Künstler, Musiker, Autoren und Modemacher eingehen, damit für Miete, Krankenkasse, Altersvorsorge oder schlicht für die alltäglichen Ausgaben gesorgt ist? Welche Nebenökonomie ermöglicht dem Kulturarbeiter seine künstlerische Freiheit? Im Oktober erschien das von Jörn Morisse (ZIA) und Rasmus Engler (Das Bierbeben) herausgegebene Interviewbuch "Wovon lebst du eigentlich?" (siehe vorheriger Lagebericht). Am Fr., 09.11.07,findet die Release-Party ab 21.00 Uhr im Berliner Golden Gate statt. Mit dabei: Wenzel Storchs "Sommer der Liebe", die Gruppe Sport und die DJs Justine Electra, Beaner und Jake the Rapper. Am 10.11.07 dann im Übel und Gefährlich in Hamburg mit wiederum "Sommer der Liebe", Flo Fernandez und DJ Jakobus Siebels.
3. Folge 137 2008 wird im zweimonatigen Rhythmus die von der ZIA produzierte Radiosendung "Folge 137" im Deutschlandradio Kultur gesendet. "Folge 137" ist ein Radiomagazin, das anhand von obskuren Randgruppenthemen scheinbar ein breites Spektrum abdeckt, in Wahrheit aber monomanisch funktioniert. "Folge 137" bietet Unterhaltung zwischen Fachmagazin und Show – aber mit didaktischem Anspruch und echtem Anliegen. Jede Ausgabe ist eine unabhängige und aus ihrem jeweiligen Kontext herausgegriffene einhundertsiebenunddreißigste Ausgabe eines knapp einstündigen Radiomagazins. Los geht's am 24.02.08 mit "Gut Genug – das Magazin von Mittelmäßigen für Mittelmäßige".
4. Shoposkop Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 2007 hat die ZIA im Auftrag von Shopping.com eine völlig neuen Einstieg in die Produkt- und Geschenksuche entwickelt. Das "Shoposkop" ist ein Empfehlungsfilter, der nach dem Vorbild eines Psycho-Persönlichkeitstests funktioniert und nach der eigens entwickelten "Rated Tagging method" (RTM) operiert. Anhand von 15 einfachen und intuitiv zu beantwortenden Fragen werden die Benutzer nach Neigungen und Wertüberzeugungen geclustert. Die Kategorien reichen vom "verkitschten Drinni" bis zum "feingeistigen Nerd". Auf dieser Basis werden dann passgenaue Produkt- und Geschenkempfehlungen ausgesprochen, die es sogar zu gewinnen gibt. Die ZIA zeichnet sich für Konzeption, Mechanik, Texte, Grafik und Produktauswahl verantwortlich, und fordert alle Interessierten vor dem offiziellen Start zum Betatesten unter der Adresse typtest.shopping.com auf.
5. ZIA-Weihnachtsfeier mit Lesung aus "The Gold Collection" Am 18.12.07 findet die halböffentliche Weihnachtsfeier der Zentralen Intelligenz Agentur im nbi statt, bei der Agenten gemeinsam mit Mitarbeitern, 9to5-Helfern, Sympathisanten und Bunnies auf das Geschäftsjahr 2006/2007 zurückblicken, bevor sich alle in die Weihnachtsferien verabschieden. Ab 21.00 Uhr lesen Julia Zange, Jochen Schmidt, Lisa Rank, Wolfgang Herrndorf aus "The Gold Collection", einer Weihnachtsanthologie mit Kurzgeschichten, die im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Im Anschluss daran legt DJ Mittanzzentrale ausgewählte Indieperlen auf.
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Auf die Frage, ob es eine gute Idee war, sich mit Freunden zu einer Firma zusammenzuschließen, antwortet Kathrin Passig in "Wovon lebst du eigentlich?" folgendermaßen: "Die Arbeitsteilung in unserer Agentur ist natürlich für mich ein klarer Vorteil, weil ich nie besonders gut in Kundenakquise und Selbstvermarktung war. Das funktioniert in der ZIA deutlich besser als allein. Und so war es ja auch von Anfang an beabsichtigt. In dem Moment, wo man, wie zwei Leute unter einer Decke als Pferd verkleidet, als Firma verkleidet auftritt, wird man halt auch als Firma wahrgenommen." Insgesamt erläutern in dem Ende September erscheinenden Interviewbuch 20 freiberuflich tätige Kulturschaffende u. a. Wolfgang Herrndorf, Almut Klotz, Leonore Mau, Benjamin Quabeck, Harry Rowohlt ihre Auffassung von Erfolg, erzählen von Selbstausbeutung, Netzwerken, dem Recht auf Faulheit und dass man auch mal an den See fahren muss. Hätte ich das Buch nicht selbst herausgegeben, würde ich es kaufen.
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