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Lauf nach Hause, kleiner Hund

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04.06.2003 | 14:06

Logopädie in Wien

Gut zwei Jahre ist es inzwischen her, dass ein Buch erschien, das von der unterschwelligen Allmacht und subtilen Omnipräsenz der Marken handelte, und weltweit die Leute dazu brachte, mehr über ihre Turnschuhe nachzudenken. Seitdem hat sich der Wind gedreht. Wie Harald Schmidt richtig bemerkt: Eigentlich bräuchte man in Deutschland nur noch zwei Bundesländer – Aldi nord und Aldi süd. Ein besonders bezeichnendes Schlaglicht auf die Verunsicherung im Lager der einst als mächtige Aggressoren vorgestellten Marken wirft die bei Licht besehen reichlich absurde Tatsache, dass der Verband der Markenartikelhersteller es kürzlich für nötig hielt, eine Imagekampagne für die Marke an sich und generell zu lancieren, Slogan: "Marken, etwas anderes kommt nicht in die Tüte". Wer so etwas bereits nötig hat, braucht keine Feinde mehr. Oder doch?



Die Wiener Künstlergruppe "Monochrom" nahm jetzt diesen Diskussionsfaden auf, indem sie in einer Konferenz mit gleichnamiger Ausstellung im schicken neuen Museumsqaurtier der etwas pastös formulierten Frage nachging "Quo vadis, Logo?!"
Der von empirischer Neugierde und einem profunden Interesse in Konsumkultur geprägte Kunstansatz der Gruppe ("Sei ein Scientist!"), der sich bereits in früheren Projekten wie einer Sammlung hunderter thematisch gruppierter Milchkartonmotive aus aller Welt manifestiert hatte, ließ eine vorbehaltfreie Annäherung an das Thema und überraschende Bottom-up-Ansätze erwarten. So wird etwa in einem Exponat der Ausstellung aus NAOMIKLEINNOLOGO per Anagrammgenerator LOGONOMINALIKONE, was den Stand der Diskussion frappant auf den Punkt bringt. Der Medienwissenschaftler Andreas L. Findeisen weist in seiner Einführung auf die immerhin diskussionswürdige Bedeutung von Design und Marken als "immaterielle Rüstung" und "Abkürzung zum besseren Lebensgefühl" und folgert trefflich: "Man kann nicht nur dagegen sein."
Der Einfall der Macher, die reale Macht der Logos über ihre "ungestützte Bekanntheit", wie es in der Marktforschung heißt, zu testen, indem man zwölf verbreitete Logos von je 25 Personen aus dem Gedächtnis zeichnen ließ, zeigt die Limitationen auf. Fast die Hälfte zeichneten, nach dem Peugeot-Logo gefragt, die Raute von Renault. Zu sehen sind ferner Plakate von Adbuster, die Illustrieren, was die kanadische Gruppe unter "mentaler Umweltverschmutzung" versteht, einige Abgesandte der unter "Leibstandarte Realität" firmierenden Gutelaunezombies aus der Werbung in Acryl von Bernhard Wolf, sowie eine Installation mit dem Titel "A bugs life" von Tom Enzi/Cuba Libre, bei der Maden und Käfer im Laufe der Ausstellung ein aus vierfarbigem Obst und Gemüse zusammengesetztes Windows-Logo unter Plexiglas mählich zersetzen.
Das unter werbe- und markentechnischen Gesichtspunkten stärkste Werk der Ausstellung ist eine kleine Computermanipulation von Christian Rupp: Die Mona Lisa mit einem zu einem Nike-Swoosh verzerrten, gequälten Lächeln. Mit leichter Hand ist Rupp hier eine schöne Ikone im Geiste Marcel Duchamps gelungen. Dessen Pissoir hat Rupp für ein anderes Werk adaptiert – mit einem Abflussgitter in Form des neuen Adidas-Logos.



Ausstellung "Quo vadis, Logo?!" Noch bis zum 29.6. im Museumsquartier, Wien.
Beiträge der Konferenz unter http://www.quo.vadis.logo.net.tc


20.05.2003 | 16:42

Wunschloses Unglück

In der vergangenen Woche lese ich in einer FAZ-Reportage über Nordkorea, in Pjöngjang gebe es große Werbetafeln, auf denen unter anderem stünde: "Wir sind glücklich". Genau wie hier, denke ich kurz. Dann denke ich: Stimmt gar nicht. Während Werbung im Sozialismus Marke Nordkorea die Funktion hat, Menschen, die fast nichts haben, das Gefühl zu geben, sie seien glücklich, ist ihre Funktion im Kapitalismus, Menschen, die fast alles haben, das Gefühl zu geben, sie seien noch nicht ganz glücklich. Dann fällt mir die Diesel-Werbung "North Korea" von 1997 ein: Der Re-Entry des Glücks in das Unglück? Oder umgekehrt?


18.05.2003 | 16:16

Ewiges Rätsel Weib

Die Geschichte der Menstruationswerbung ist eine Geschichte voller Rätsel. Im neuen Camelia-Spot sitzen zwei Frauen auf einem Sofa, löffeln Eis und sehen fern. Aus dem Off erfahren wir, dass Frauen, die zusammen wohnen, auch gleichzeitig "Besuch von ihrem kleinen roten Indianer" bekommen. Man sieht die Marketingabteilung an diesem Gegenentwurf zur sportlichen Tampon-Welt basteln: "Die Frauen wollen gar nicht unbedingt jetzt erst recht surfen und Beachvolleyball spielen. Die wollen einfach nur auf dem Sofa abhängen, fernsehen und in Ruhe Wasser einlagern!" So weit alles nachvollziehbar und verständlich. Aber jetzt tritt ein Mann ins Bild. Er will auch vor dem Fernseher Eis löffeln. Ein roter Punkt auf dem Sofa und eine rote Blume auf dem Tisch müssen ihm weichen und er darf in der Mitte Platz nehmen. Ist es ein weiterer Mitbewohner, der synchron mit den beiden Mädchen menstruiert? Oder bringt er den großen rosa Fisch, von dem alle beide heute noch Besuch bekommen werden, weil sie ja vorher nicht umständlich den Tampon entfernen müssen? Was symbolisiert der rote Fleck auf dem weißen Sofa, den man einfach so beiseite räumen kann, wenn Männerbesuch kommt? Wer kauft überhaupt noch Damenbinden? Ich kann nicht länger über diesen Spot sinnieren, sonst bekomme ich Besuch vom unsichtbaren Hasen.


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