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16.04.2003 | 14:29

Der Mégane Nebeneffekt

Eine großzügige, lichtdurchflutete und geschmackvoll minimalistisch eingerichtete Wohnung. Ein kultivierter Mann Mitte dreißig sitzt an einem Tisch und bastelt passioniert an einem massiven und qualitativ hochwertigen Tonbandgerät (Symbol für solides Ingenieurshandwerk, analoge Technik, kein Japanschrott!). Der Sohn kommt herbeigelaufen (Keine Autowerbung derzeit ohne Vater-Sohn-Thematik!) und befördert ein Metallmodell des zu bewerbenden Renault Mégane sowie einen schweren Hufeisenmagneten auf die Tischfläche. Der Vater lässt ab von seinem Bastelhobby und steuert, sehr zum Vergnügen des Sohnes, das rote Spielzeugauto mit dem Magneten in Schlangenlinie über die Tischplatte. Schnitt. Das gleiche Auto in groß mit den beiden als Insassen gleitet spurtreu über eine Serpentinenstraße und hält an einem Strandabschnitt. Der Sohn bückt sich unters Auto und vermisst augenscheinlich den Magneten. Einblendung: "Der Mégane Effekt". Klar, was uns dieser Spot der Agentur Publicis, Frankfurt, mitteilen will. Was die Agentur möglicherweise nicht bedacht hat: Der Mégane Nebeneffekt in diesem Fall wäre, dass sämtliche Informationen auf dem Tonband durch den Hufeisenmagneten gelöscht werden. So ist das häufig mit Werbung in letzter Zeit: Sie wollen das ganz große Allegoriefeuerwerk abfackeln und versieben es auf einer ganz basalen Ebene.
Der Spot unter: www.publicis-frankfurt.de/de/news/Renault_Megane_Mag/index.cfm


11.04.2003 | 04:21

33 Streichhölzer

In seinem jüngst erschienenen Roman, A Box of Matches, beschreibt der amerikanische Autor Nicholson Baker in 33 Kapiteln die immergleiche Situation: der Ich-Erzähler steht Wintermorgen für Wintermorgen lange vor Tagesanbruch auf und macht ein Feuer im Kamin seines Hauses in Neuengland, in dem seine Frau und seine beiden Kinder noch schlafen. Jeden Morgen begrüßt er seine Leser mit einem lapidaren "Good morning, it's 4:23 a.m." und läßt uns dann im Dämmerlicht des aufglimmenden Feuers an seinen Beobachtungen, Gedankengängen, Erinnerungen teilhaben. Baker, der seit seinem ersten Roman The Mezzanine (dt. Rolltreppe oder Die Herkunft der Dinge) das Eigenleben der alltäglichen Dinge mit überscharfer Präzision und einer deliranten Beobachtungsgabe archiviert, läßt auch diesmal seinen Obsessionen und Idiosynkrasien freien Lauf. Wir erfahren von den Gefahren, die beim Pinkeln im Dunkeln lauern, von den richtigen Methoden des Geschirrspülens, vom Wandel des Designs der auf Küchenrollenpapier aufgedruckten Muster. In der morgendlichen Stille und Dunkelheit gerät das Bewußtsein der Erzählerfigur in einen meditativen Schwebezustand zwischen gespannter Aufmerksamkeit und freier Assoziation und der Strom der Gedanken wandert von den flüchtigen Momenten des Glücks angesichts eines Vorfahrtschildes, von dem der nächtliche Tau in der Morgensonne als kleiner Nebel aufsteigt zu Selbstmordgedanken als Einschlafhilfe. Am Ende ist das letzte Streichholz verbraucht, der Erzähler wirft die leere Schachtel ins Feuer und entscheidet sich, wieder ins Bett zurückzukriechen und fortan zu einer normalen Zeit aufzustehen. Und als Leser bedauert man, daß eine Streichholzschachtel nicht mehr als 33 Hölzer enthält. Good night, it's 4:21 a.m.
Nicholson Baker: A Box of Matches. Random House, 2003.


11.04.2003 | 01:59

Zur Lage der Nation

Es muß wesentlich tiefer sinken, bis wir Aussicht haben, politisch mit unseren Vorstellungen, Warnungen, Vorschlägen gehört zu werden. Es muß also eine Art Offenbarungseid und ein Schock im öffentlichen Bewußtsein erfolgen.
Franz Josef Strauß, 1974


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