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It's Not About the Bike
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Ich Ich Ich AG – Von Weltherrschaftplänen und dem Sinn einer ironischen FirmengründungPhilipp Albers Eines Tages rief mich mein Freund Holm Friebe an. Er beorderte mich und einige andere Freunde für den Abend in die "Gaststätte W. Prassnik", eine Kneipe in Berlin Mitte, die mit ihrem Retro-Design perfekt den Charme des alten Ostens simuliert. Es sollten an diesem Abend aber ausnahmsweise mal nicht die großen und kleinen Lagen der Berliner Weltläufte diskutiert werden. Vielmehr, so Holm, verfolge er große Pläne, er wolle ein ganz neues Ding starten, eine Firma gründen. Und dafür brauche er mich. Ich hatte sowieso nichts zu tun und musste irgendwie Geld verdienen. Holm arbeitete damals als freier Journalist, nachdem er ein Jahr lang im Trendbüro in Hamburg angestellt gewesen war. Folglich kannte er sich in der Welt der Werbe- und Kreativagenturen aus. Die Festanstellung hatte sich jedoch für ihn als eine unhaltbare Zumutung herausgestellt, und jetzt wollte er mit seinen Freunden eine eigene Agentur gründen – oder zumindest etwas, das so aussah wie eine Agentur. Einen Namen gab es schon: Zentrale Intelligenz Agentur. Und auch das dazu passende Logo war vorhanden, ein kleiner Computer mit integrierter Tastatur, die aus nur drei Tasten bestand: ZIA. Weniger klar war, wie denn das im Namen enthaltene Versprechen ausgefüllt werden sollte. In den folgenden Wochen und Monaten debattierten wir in unzähligen Treffen im Prassnik, welche Gestalt die zu gründende Firma annehmen sollte, und, noch wichtiger, ob es überhaupt eine Firma im klassischen Sinne, mit dem Ziel der Einkommensvermehrung, werden sollte. Oder eine, die nur so tut als ob, gewissermaßen eine ironische Firma. Wir entwarfen großspurige Weltherrschaftspläne und brüteten unterschiedlichste Geschäftsmodelle aus, die irgendwo im Niemandsland zwischen Konzeptkunst und einem Schreibbüro für Journalisten und Akademiker angesiedelt waren. Angetrieben wurden wir von dem Wunsch, gemeinsam das zu machen, was uns Spaß machte, dem Willen, unseren Arbeitsalltag selbst zu bestimmen, und damit, wenn möglich, das zum Leben nötige Geld zu verdienen. War das naiv? Die versponnene Idee von Endzwanzigern, die nicht erwachsen werden wollen? Zeitverschwendung? Nein, nichts von dem. Erstens hat mich unser Projekt tatsächlich finanziell über Wasser gehalten. Und zweitens habe ich viel gelernt – vor allem durch die im Projekt angelegte Dynamik der Selbstprofessionalisierung: Von den internen Arbeitsabläufen bis hin zum Auftreten Kunden gegenüber machte die ZIA im Laufe der Zeit gewaltige Fortschritte. Allein, in einer Ich AG, ohne Austausch mit Anderen, kann man eine solche Dynamik gar nicht lostreten. Auch der ironisch-spielerische Ansatz war ungemein hilfreich. Er gab unserem Projekt eine gewisse Leichtigkeit, er nahm uns den Druck, möglichst schnell viel Geld zu verdienen. Ich persönlich war vor allem froh, eine Perspektive zu haben, als wir im Frühjahr 2002 die Gründung der Zentralen Intelligenz Agentur beschlossen. Lange hatte ich brav vor mich hin studiert und mich wenig darum geschert, was denn nach dem Studium kommen könnte. Schließlich war ich über weite Strecken meines nicht gerade kurzen geisteswissenschaftlichen Studiums der Amerikanistik, Philosophie und Kulturwissenschaft von der diffusen Idee bestimmt, nach Beendigung desselben einfach an der Universität zu bleiben und zu promovieren. Weiter reichte mein Vorstellungshorizont zu dieser Zeit nicht. Während die Kommilitonen in den Semesterferien Praktikum an Praktikum reihten, trieb ich mich auf Sommerakademien und Konferenzen herum oder nahm 1996 an der ersten Ausschreibung des Deutschen Studienpreises teil. Das Geld zur Aufbesserung meiner Kasse verdiente ich mir in der zweiten Hälfte meines Studiums durch einen Job als studentische Hilfskraft, so dass ich auch hier nicht darauf angewiesen war, den universitären Kosmos zu verlassen. An welchem Punkt die ersten Zweifel am akademischen Karrieremodell aufkamen, kann ich heute nicht mehr genau sagen. Wahrscheinlich hing es mit dem drohenden Studienabschluss zusammen, denn als die Magisterarbeit geschrieben war und die letzten mündlichen Prüfungen näher rückten, wurde mir klar, dass ich mir jetzt langsam ernsthaft Gedanken machen müsste, wie es weitergehen soll. Freunde schwenkten auf die Promotionsspur ein, hatten zum Teil auch effizienter studiert und bekamen Stellen in Sonderforschungsbereichen oder saßen nach erfolgreicher Antragschreiberei als Stipendiaten in irgendwelchen Graduiertenkollegs. Doch in den Gesprächen auf den Universitätsfluren waren die sich stetig verschlechternden Aussichten für Geisteswissenschaftler und die erodierenden Bedingungen an den Universitäten ständiges Thema. Überhaupt war irgendetwas am System Universität unbefriedigend, und ich hatte das Gefühl, die wirklich wichtigen Dinge zu verpassen. Also musste etwas anderes her. Zum Glück hatte ich noch andere Freunde, wie Holm, die nicht auf die akademische Laufbahn fixiert waren. Die meisten machten "irgendwas mit Medien", zumeist freiberuflich, oder sie hatten ihre Seele an eine Agentur verkauft. Es war noch nicht lange her, dass die New-Economy-Blase geplatzt war, und Berlin mit seiner Ökonomie der Improvisation bot einen fruchtbaren Boden für deren Zerfallsprodukte. Krisen sind besonders günstige Zeiten, um etwas Neues auf die Beine zu stellen. Die Zentrale Intelligenz Agentur kam da gerade recht. Das Neue, um das es bei der ZIA gehen sollte, war, eine Form des Arbeitens (und Lebens) zu finden, die die einsamen Klippen des kreativ Selbständigen ebenso umschiffte, wie den nicht minder höllischen Archipel der Festanstellung mit seinen geregelten Arbeits- und Urlaubszeiten, Hierarchien und internen Machtkämpfen. "Etwas Besseres als Festanstellung und Ich-AG finden wir allemal", brachte Holm unser gemeinsames Wunschziel auf den Punkt. Eine andere Formulierung, die wir für diese neue Form der Kollaboration fanden, lautete "Ich Ich Ich AG". Einen guten Namen, eine Website und Visitenkarten – mehr braucht man eigentlich gar nicht für eine Firma. Den richtigen Namen hatten wir, eine Website, die unser Leistungsspektrum mit Wendungen wie "kurzfristige Bereitstellung kreativer Manövriermasse" oder "Gehirnstrom direkt vom Erzeuger" und ähnlichen Buzzwords aus dem sprachlichen Code der Kreativagenturen angemessen unscharf beschrieb, war rasch zusammengebaut, die Visitenkarten schnell besorgt. Die Fassade war geschaffen und jeder, dem wir davon erzählten, hielt die Zentrale Intelligenz Agentur für eine ordentliche Agentur, die so seriös oder unseriös arbeitete wie andere so genannte Kreativagenturen auch. Allerdings dauerte es noch eine Weile bis wir auf die Frage "Was machst du eigentlich?" nicht mehr antworteten: "Äh, also ich mach da mit Freunden so eine Art Agentur, äh, Zentrale Intelligenz Agentur heißen wir..." Denn darauf folgte unvermeidlich der Satz "Aha, und was macht ihr genau?" Ganze Abende verbrachten wir damit, den für die Beantwortung dieser Frage perfekten "Elevator Pitch" zu formulieren und jonglierten mit diversen Geschäftsmodellen. Doch die Unerklärbarkeit, die wir schließlich aus offensiver Verzweiflung heraus zum Prinzip unserer ironischen Firma erhoben, hatte auch ihre Vorteile. Sie legte einen Interesse weckenden Schleier des Geheimnisses um das Gebilde ZIA und erlaubte uns zugleich, alle möglichen Aktivitäten – von der Organisation einer "Letzten lange Nacht der Popliteratur" für einen befreundeten Autor bis hin zu Ghostwriting-Aufträgen für die Unternehmensführung eines großen Automobilzulieferers – unter ihrem Signum zu vereinen. Ging es zunächst darum, einen Pool von Freelancern aufzubauen, die temporär strategische Allianzen eingingen, so kristallisierte sich mit der Zeit in unserem Dauerexperiment "virtuelle Firma" folgende Struktur heraus: fünf Agenten und zwei "Senior Consultants" bilden den Kern der ZIA, darum herum gruppiert sich ein loses Netzwerk von mehreren Dutzend "Inoffiziellen Mitarbeitern", auf deren Expertise je nach Auftragslage und Anforderung zurückgegriffen wird. Das Arbeitsspektrum reicht von der Erstellung journalistischer Texte und der redaktionellen Betreuung für verschiedene Medien über den Entwurf von Konzepten und Szenarien für Agenturen bis hin zur Markenberatung und Ausarbeitung von Trendstudien für Unternehmen. Wir kooperieren beispielsweise mit einem Schweizer Management- und Trendmagazin und erstellen einen monatlichen Newsletter zu Design- und Gesellschaftstrends für eine Berliner Brandingagentur. In beiden Fällen kommt es auf die Fähigkeit an, journalistisches Arbeiten, konzeptionelles Denken und eine geschärfte Beobachtungsgabe für die neuesten Entwicklungen in Kunst und Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft, Technik und Design miteinander zu verbinden. Daneben sollte Zeit bleiben für eigene Projekte, die nicht an einen Kundenauftrag und den Zwang zum Geldverdienen gebunden sind. Im Juli 2005 lancierte die ZIA das kollektive Gegenwarts- und Zukunftsforschungsblog "Riesenmaschine – das brandneue Universum" (riesenmaschine.de). Täglich wird es von den Agenten der ZIA und eingeladenen Autoren mit Berichten über Entdeckungen und Neuerungen auf den Gebieten Design, Konsumkultur und digitales Leben gefüllt. Die ZIA unterstützt zudem die Arbeit befreundeter Künstler und Kreativer, sie konzipiert und organisiert beispielsweise die monatlich stattfindende Unterhaltungsshow "Berlin Bunny Lectures". Auf ein Büro und anderen unnötigen Ballast verzichteten wir von Anfang an, nicht nur aus Kostengründen. Die virtuelle Firma arbeitet dort, wo die Rechner ihrer Mitarbeiter stehen – ein Online-Chat ist schnell zusammen geschaltet. Und wenn man sich tatsächlich mal treffen muss, was inzwischen mindestens einmal die Woche passiert, gibt es ja Kneipen wie das Prassnik. Die am Kneipentisch entstandene Idee wurde bald zur Hauptbeschäftigung, zu richtiger, echter Arbeit, wenn sie sich auch von den gängigen Formen der Erwerbsarbeit unterscheidet. Es machte mir Spaß und ich konnte davon leben, doch irgendwann wollte ich dann doch die richtige Arbeitswelt einmal kennen lernen. Schließlich hatte ich immer noch kein einziges Praktikum in meinem Leben absolviert. Nach einem kurzen Praktikums-Intermezzo bei einer Werbeagentur, das mir noch einmal deutlich vor Augen führte, warum eine Festanstellung in der Werbebranche für mich nicht erstrebenswert war, besann ich mich auf die Inhalte meines Studiums: Amerika! Ich durchmusterte also alle in Berlin ansässigen transatlantischen Institutionen und bewarb mich um ein Praktikum in der American Academy in Berlin, einer Institution, die amerikanische Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle als Stipendiaten nach Berlin bringt. Dann ging alles seinen erstaunlich klassischen und geradlinigen Gang: drei Monate schlecht bezahltes Praktikum, während dessen ich die Bereitschaft signalisierte, auch weiterhin für die Academy tätig zu sein. Daraufhin wurde mir ein größeres Projekt anvertraut, das ich als freier Mitarbeiter betreute, und schließlich kam nach einigen Monaten das Angebot einer festen Stelle, die durch den Wechsel einer Mitarbeiterin frei geworden war. Heute betreue ich als Koordinator das Veranstaltungsprogramm der American Academy: Vorträge der Stipendiaten, Konferenzen, Gastvorträge, Buchvorstellungen, Ausstellungen - nah dran am akademischen Leben, aber weit entfernt vom tristen Unialltag. Und die Zentrale Intelligenz Agentur? Die existiert natürlich noch immer, hat sich inzwischen die ordentliche Gesellschaftsform einer GbR gegeben und kommt von Monat zu Monat ihrem erklärten Ziel der Weltherrschaft ein kleines Stückchen näher. Die Kundenliste wird länger, die Aufträge umfangreicher, der Umsatz höher. Aus der ironischen Firma ist ein funktionierendes Arbeitsmodell an der Schnittstelle von Journalismus, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst geworden. Dank der offenen Struktur bin ich der ZIA immer noch verbunden, und so zücke ich bei Partys je nach Gesprächspartner entweder die Visitenkarte meines derzeitigen Brotgebers oder die der ZIA. Und wenn mir das geregelte Werktätigendasein eines Tages über sein sollte, werde ich bestimmt keine Ich AG gründen, denn inzwischen weiß ich ja, dass es etwas Besseres gibt. Dieser Text von Philipp Albers erschien in "Karriere ohne Vorlage - Junge Akademiker zwischen Studium und Beruf", herausgegeben von der Koerber-Stiftung, 2005) |
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Zentrale Intelligenz Agentur GbR /// info@zentrale-intelligenz-agentur.de |
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