Zentrale Intelligenz Agentur

Wer nicht für uns ist, ist auch für uns

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Businessplanlosigkeit

Holm Friebe / Kathrin Passig

Die "Gaststätte W. Prassnik" an der Torstraße, gegenüber vom Kaffee Burger, ist ein Lokal, das seine ostdeutschen Besucher wohlig an eine HO-Gaststätte erinnert, westdeutsche Gäste dagegen an das einzige Wirtshaus in der Kleinstadt, der sie entflohen sind. Beigefarbene Wände, eine schnörkellose Inneneinrichtung mit Sprelakat-Tischplatten und insbesondere der muffig-feuchte Küchendunstgeruch im Gang zu den Toiletten vermitteln: Das war schon immer so, und das wird auch immer so bleiben. Dass es sich in Wirklichkeit um die akribische Rekonstruktion eines solchen Biotops handelt, um eine aufwändige Zeit- oder vielmehr Zeitlosigkeitsmaschine, bemerkt der Gast, wenn überhaupt, erst nach längerem Prassnikstudium.

Zu solchem Studium hatten die ZIA-Gründer ausreichend Gelegenheit, denn am großen Tisch auf der Empore im Prassnik spielte sich die Frühgeschichte des Unternehmens ab. Monatelang wurden ein bis zwei Mal wöchentlich Treffen in wechselnder Besetzung einberufen; jeder nicht gerade arbeitslose Freund des Hauses wurde einmal dazugebeten und zu seinen Erfahrungen in puncto Geldverdienen befragt. Größtenteils erwiesen sich diese Treffen als wenig fruchtbar, da die Eingeladenen im Laufe ihrer eigenen Unternehmerkarriere zwar manches über den Umgang mit Künstlersozialkasse, Finanzamt, Kapitalgebern und potenzieller Kundschaft dazugelernt hatten, irgendwelche Gemeinsamkeiten sich aus ihren Erzählungen jedoch nicht destillieren ließen. So waren vermutlich die Betreiber der Gaststätte Prassnik die Einzigen, die von diesen Gründerberatungsabenden profitierten - das jedoch nicht zu knapp. In den frühen Morgenstunden wankte man im festen Glauben nach Hause, das Firmenkonzept diesmal ganz bestimmt dingfest gemacht zu haben. Am nächsten Morgen würde man es nur noch aufschreiben müssen.

Am Anfang stand vor allem die Frage, ob eine richtige Firma, also ein echtes Unternehmen zum Zwecke des Geldverdienens gegründet werden sollte, oder das genaue Gegenteil. Für das genaue Gegenteil, auch wenn sich niemand etwas darunter vorstellen konnte, sprach, dass eigentlich auch keiner so genau wusste, mit welchen Produkten eine richtige Firma dieses Namens auf dem Markt reüssieren sollte. Irgendwas dazwischen sollte es sein. Eines der schillerndsten Vorbilder dazu konnte man direkt vor dem Fenster der Gaststätte Prassnik auf der anderen Straßenseite sehen: "Moebel Horzon" verkaufte schlichte, aus MDF-Platten zusammengeschraubte Regale, die auf klangvolle Namen wie "Modern", "Mondän" oder "Aufwändig" hörten. Gleichzeitig war der Laden Operationsbasis für zahllose weitere Unternehmensaktivitäten, darunter ein eigenes Modelabel, eine Fassadendekorfirma und eine Partnertrennungsagentur. Es hatte den Anschein, als sei die "Modocom"-Unternehmensgruppe gut aufgestellt, den Anforderungen des kulturellen Kapitalismus gerecht zu werden, wie auch der Titel von Horzons ersten Buch "Modern sein – Fit im Kopf ins nächste Jahrtausend" bereits andeutete. Ob es ihm freilich gelingen würde, damit in wenigen Jahren "Schlecker plattzumachen", wie der visionäre Gründer, der nebenher eine private Wissenschaftsakademie unterhält, einmal im Interview verlauten lassen hatte, war eher fraglich. Wie auch nach wie vor unklar war, woher eigentlich das Geld für die zahllosen aufwändigen Positionierungsmanöver stammte. In einer schwachen Stunde hatte Horzon einmal bekannt, dass das Einzige, womit er jemals Geld verdient hatte, die Regale waren.

Die Geschäftsidee, auf die man sich schließlich verständigte, war die einer Vermarktungs- und Zweitverwertungsagentur für zur Selbstvermarktung notorisch unfähige Journalisten und Grafiker. Auf der Website spiegelte sich das in Beschreibungen wieder, deren Buzzwordgehalt der Leser mittels eines simulierten Schiebereglers frei wählen konnte. In der leicht verständlichen Variante hieß es: "Zentrale Intelligenz Agentur ist eine Amöbe: Ein loser Zusammenschluss von Leuten, die nichts anderes gelernt haben, als ihre Arbeitskraft jedem zur Verfügung zu stellen, der bereit ist, dafür Geld zu bezahlen." In der Alle-Regler-nach-rechts-Version hieß es dagegen: "Talentierten Textern, Konzeptern und Designern eröffnen wir Synergiepotentiale in Form von Networking Opportunities, Feedback und Support sowie den Rückgriff auf eine umfangreiche Career Knowledge Base. Wir sind beim Self-Marketing behilflich und übernehmen die Optimierung der Wertschöpfungskette von bereits vorhandenem Content."

Zu diesen hehren Zwecken wurden zunächst einerseits alle halbwegs vorzeigbaren Freiberufler aus dem Freundeskreis als "Inoffizielle Mitarbeiter" der Agentur rekrutiert, andererseits eine Liste derjenigen Abnehmer in Redaktionen angelegt, an die man selbst oder jemand, den man kannte, schon Beiträge verkauft hatte. Es war und blieb eine kurze Liste. Klaus Caesar Zehrer, Inoffizieller ZIA-Mitarbeiter der ersten Stunde, wurde mit der Abfassung einer Firmenhymne beauftragt, um solcherart einen Glorienschein über das fadenscheinige Geschäftsmodell zu breiten. "Kamerad an der Tastatur!", hieß es darin, "Wir wissen um deine Tortur: / Du schreibst mit Herzblut und Verstand die wundervollsten Texte / Doch wie man sie zum Druck bringt und zu Kohle macht, das checkste / Nicht und so wird alles Makulatur / Kamerad an der Tastatur, Kamerad an der Tastatur!" Der Refrain lautete: "Die ZIA, Kamerad, die ZIA, / Kämpf für sie und sei immer für sie da / Leiste deinen ewigen Treueschwur / auf die Zentrale Intelligenz Agentur, Die Zentrale Intelligenz Agentur!".

Leider stellte sich schnell heraus, dass die ZIA mit dieser Geschäftsidee zwar eine scheunentorbreite Marktlücke aufgetan hatte, das Vorhandensein einer Marktlücke aber keineswegs automatisch bedeutet, dass sich darin auch ein tragfähiges Geschäftsmodell einparken lässt. Die Inoffiziellen Mitarbeiter strömten nur so herbei, da sie aber ihre Erzeugnisse an die taz und die Jungle World zu verkaufen pflegten und auch die ZIA nicht über wesentlich lukrativere Kontakte verfügte, konnte man von den gezahlten Honoraren, die im Schnitt um die dreißig Euro lagen, guten Gewissens eigentlich gar keine Prozente für die Vermittlung einbehalten. Es hätte sich ohnehin nicht gelohnt, denn für jeweils ein- bis zweistündiges Herumtelefonieren, tröstende Mailwechsel mit den Autoren und das Ausstellen und Eintreiben der Rechnungen wären für die ZIA insgesamt etwa fünf Euro zu verdienen gewesen. Hinzu kam, dass sich niemand unter der Arbeit in der eigenen Firma so ernüchternde Sekretariatstätigkeiten vorgestellt hatte und dass die Einschaltung einer Agentur zwischen Autor oder Grafiker und Endabnehmer viel mehr Verständigungsprobleme produzierte, als sie löste. Nach etwa drei Monaten stellte man die Textvermittlung stillschweigend wieder ein, setzte sich ins Prassnik und begann, über neue Geschäftsmodelle nachzudenken.