Zentrale Intelligenz Agentur

Essenz auf Rädern

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Wo kommt das alles plötzlich her?

Holm Friebe

Das Jahr fing nicht besonders gut an. Unser Unternehmen, die Zentrale Intelligenz Agentur, war 2001 von ein paar Leuten, darunter Jörn Morisse, Kathrin Passig und ich, als ironische Firma am Kneipentisch gegründet worden, hatte seither einige Metamorphosen durchlaufen, mehrfach das Geschäftsmodell gewechselt und steckte jetzt wieder einmal in einer Krise. Den Auftrag, PR für eine Design-Agentur zu machen, hatten wir gründlich vermasselt, und auch einer unser Brotjobs, ein Design-Trendletter für das Intranet eines großen Automobilherstellers, stand auf der Kippe: Budgetkürzung, Sachzwänge, man kennt das. Zudem war eines der Bunnys schwanger, was unseren Subkultur-Ableger, die monatlichen "Berlin Bunny Lectures" im nbi, bedrohte.

Kurz zuvor hatte ich Bernd Cailloux' großartigen Roman "Das Geschäftsjahr 1968/69" gelesen. Cailloux beschreibt darin, wie in besagtem annus mirabilis ein Trupp Künstler, Spinner und Drogies die psychedelische Revolution voranbringen will, indem man den Stroboskop-Blitz nach Deutschland importiert. Dazu wird die "Muße-Gesellschaft" gegründet, als Gruppenexperiment, soziale Plastik oder was auch immer, die sich im Laufe des Buches und mit wachsendem Erfolg der Stroboskope zu einer anständigen Firma entwickelt, sehr zum Leidwesen des Ich-Erzählers: "Jeden Tag gerieten wir aufs neue in kontroverse Debatten und vertieften aufs neue das unendliche Thema von Sinn, Zweck und Zukunft der Muße-Gesellschaft. Mit welchem Anspruch wollten wir demnächst auftreten? Als Künstlergruppe, als elektrische Derwische mit dem Blitz der Erleuchtung durch die Republik ziehen? Oder doch als Firma, als kleines, seine wahren Absichten verschleierndes Unternehmen. Das hörte sich schnöde an. Es musste noch etwas anderes geben." Ich fühlte mich an die ZIA erinnert und hatte das Buch zu Weihnachten an alle engeren Mitarbeiter verschenkt. Cailloux schrieb über uns, wenn er schrieb: "Noch immer schwebte mir eine lose Gruppierung, eine Firma im Schwebezustand vor, ein improvisierter, spielerischer Betrieb, ähnlich dem einer Band als der Höchstform für Teams und aus der Lamäng hingeschlackert – eine Firma als Tarnkappe auch bei der Suche nach besseren Lebenszwecken." Genau so musste es sein. Vielleicht hatte ich es nur selbst noch nicht kapiert.

Im Januar wurde ein Workshop-Wochenende anberaumt, eine Hütte mit Sauna am Sakrower See gemietet. Sascha Lobo, Markenberater, ZIA-Sympathisant und Chefredakteur des Weblogs riesenmaschine.de sollte uns mit allen professionellen Mitteln und Kreativtechniken aus dem Tief herausführen. Stattdessen kam es erst mal zum Eklat, der sich auch mit reichlich Wodka und mehreren Saunagängen kaum kitten ließ. In der Nacht von Samstag auf Sonntag flog auf, dass Lobo die ganze Zeit über eine versteckte Agenda verfolgt hatte. Wir sollten den ganzen Geldverdien-Quatsch lassen – das könnten professionelle Agenturen eh besser – und uns auf unsere "Kernkompetenz" besinnen, die er in der Funktion als "Kulturkrake" wähnte. Wir fühlten uns hintergangen und übertölpelt, schließlich einigten wir uns auf den Satz "Die ZIA entwickelt aus intellektuellen Obsessionen geschmeidige Kulturformate", und fuhren deprimiert und verkatert zurück nach Berlin.

Dann ging alles Schlag auf Schlag. Die ungeliebten Brotjobs flogen uns um die Ohren und keiner weinte ihnen eine Träne nach. Noch im Januar erfanden wir aus der Verlegenheit heraus "Powerpoint Karaoke" als erstes in einer Reihe sogenannter "Après Bunny Formate". Es war ein durchschlagender Erfolg, wird heute nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch im Silicon Valley kopiert und brachte uns ein paar Engagements ein. Wir schrieben Exposées für Sachbücher und Anthologien, die sich überraschenderweise sehr ordentlich verkauften und ab diesem Herbst erscheinen werden. Im Mai erfuhren wir, dass die Riesenmaschine, kaum ein Jahr alt, für den Grimme-Online-Award nachnominiert wurde: Im Juni konnten wir den Preis abholen. Parallel arbeitete Kathrin Passig an ihrem Text für den Bachmann-Wettbewerb, zunächst einfach nur, um die Tradition nicht abreißen zu lassen. 2004 hatte unser Inoffizieller Mitarbeiter Wolfgang Herrndorf dort den Kelag-Publikumspreis geholt, 2005 Natalie Balkow, ihres Zeichens Senior Consultant, den Ernst-Willner-Preis.

Ich erinnere mich, wie Kathrin im Kinderzimmer der Wohnung eines Züricher Freundes, wohin wir uns eine Woche lang zum Arbeiten zurückgezogen hatten, auf dem Fußboden sitzt, und mit Tesafilm und einer Kinderschere den in Streifen geschnittenen Text in Reihenfolge bringt - ihr Netzteil passte nicht in Schweizer Steckdosen. Ich kannte den Text bis zur Lesung nicht, aber als ich sie dort angestrengt basteln sah, wusste ich, dass er gut werden würde. Entgegen anders lautenden Verschwörungstheorien hatte die ZIA als solche mit alledem nichts zu tun, wohl aber mit dem Vorstellungsvideo. Die öde und phrasenhaft klischierte Vorstellung der Autoren in immer gleichen Kulturfernsehen-Tönen und Bildern, das konnte und wollte Passig nicht über sich ergehen lassen, also wurden eigene Kräfte mobilisiert. Bevor man sich blamieren lässt, nimmt man die Dinge lieber selbst in die Hand, so viel haben wir inzwischen gelernt. Gemeinsam wurde ein Skript erarbeitet, das die allerschlimmsten Sätze und Einstellungen der vergangenen Jahrgänge in sich vereinte, Lars Hubrich führte Regie. Subversion durch Überaffirmation nennt man das wohl. Obwohl sich der Sender 3sat in diesem Zusammenhang nicht eben als kooperativ erwies, gelang es, das Video zur Sendung zu bringen, was in Klagenfurt als erfrischender Realitätsschock ankam und den Boden für Passigs wohlverdienten Triumph bereitete: Bachmannpreis und Publikumspreis. Nimmt man die Preisgelder und Vorschüsse für die Bücher zusammen, hat sich die neue Firmenstrategie bislang bereits voll ausgezahlt.

Wenn Mercedes Bunz im April in dieser Zeitung unter der Überschrift "Meine Armut kotzt mich an" mehr ökonomischen Druck und kommerzielle Auftraggeber für Berlin einfordert, damit die "Urbanen Penner" endlich Haltung annehmen und ans Geldverdienen herangeführt werden, kann ich für die ZIA sagen, dass das Gegenteil richtig war: Halbherzige Brotjobs knicken und sich ganz auf das konzentrieren, was man selbst interessant findet. Es kommt darauf an, wie die Programmierer-Legende Paul Graham im Essay "How to do what you love" auf seiner Website schreibt, wieder mehr zu tun, was man liebt, und sich dabei nicht von fischigen Geldversprechen und kleingeistigen Auftraggebern aus der Bahn werfen zu lassen. Es muss ja nicht immer gleich große Kunst sein. Auch wenn sich das Beispiel vielleicht nicht verallgemeinern lässt: Die digitale Bohème verfügt über die technischen Produktionsmittel, eigene Ideen umzusetzen und davon zu leben. Sie ist zunehmend weniger auf Mittelsmänner und Gönner aus der Industrie angewiesen. Anders ausgedrückt: Der ökonomische Wind dreht in unsere Richtung. Den "Weltherrschafts-Progress-Bar", den wir irgendwann einmal als "Glitzi-Element" auf der Website eingebaut haben und der seither bei 3% dümpelt, können wir allmählich mal behutsam auf 4% hochsetzen. Ach so, und Ulrike hat ihr Kind bekommen. Es ist, wie nicht anders zu erwarten, ein Bunny. Wir sind vom Punkt zur Linie geworden. Wir kommen voran.

"Wo kommt das alles plötzlich her" erschien in zitty 14/2006, S. 26-28.