Zentrale Intelligenz Agentur

Die neue Schnaftigkeit

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Zentrale Intelligenz Agentur

Wolfgang Herrndorf

Mir war speiübel. Wir standen seit vier Stunden im Stau auf der Autobahn, und immer, wenn ich aussteigen wollte, ging es wieder hundert Meter vorwärts. "Was machst du da? Bleib sitzen", sagte Holm, dann kam die Abfahrt. Holm trug die Skispringer-Jacke der österreichischen Nationalmannschaft von 1964, für die er ein Vermögen bei ebay ausgegeben hatte, Palomino-Jeans und Jesuslatschen, und steuerte mit durchgestreckten Armen den Jaguar seiner Mutter. Er konnte nicht vernünftig fahren. Er schnitt jede Kurve, und ich sagte: "Ich kotz dir ins Auto, wenn du nicht langsamer fährst", und er sagte: "Nur noch fünf Kilometer. Gleich kommt die Fähre."
Irgendwo hinter Wettin sollte es ein Schloß geben, das Holm gemietet hatte, ich hatte das zuerst nicht glauben wollen. Ich dachte, das ist wieder eine von diesen Schnapsideen. Aber Holm hatte tatsächlich Leute aus ganz Deutschland dazu gekriegt, sich mit ihm auf Schloß Beesenstedt treffen zu wollen, irgendwo in der brandenburgischen Pampa, um diese Sache da zu gründen, die dann so sonderbar untergehen sollte, später, die Zentrale Intelligenz Agentur.
Ich hatte Holm mindestens schon fünf Mal gefragt, was das denn sein sollte, Zentrale Intelligenz Agentur, wo ist da der Sinn? Was ist das für ein Produkt? Warum kann man das nicht in Berlin gründen? Und er hatte mir nicht geantwortet. Wir gründen das erstmal, hatte er gesagt, und ich wußte, daß es genau so kommen würde und daß ich hinterher auch nicht schlauer sein und daß es trotzdem irgendwie funktionieren würde, das war immer so bei diesen Holm-Geschichten. Und das fiel mir zum ersten Mal auf der Fähre in Wettin auf, während wir übersetzten, was nur vierzig Sekunden dauerte und einen Euro sechzig kostete. Da fiel mir auf, während ich darüber nachdachte, wo ich hinkotzen sollte, falls ich auf der Fähre kotzen mußte - denn wenn ich mich über die Reling hängte, würden wir das andere Ufer erreichen, bevor ich fertig war mit kotzen, und der Gedanke befremdete mich irgendwie - jedenfalls, während ich über all das nachdachte, fiel mir zum ersten Mal auf, daß ich niemanden mehr in meinem Bekanntenkreis hatte, der einen Beruf hatte, von dem ich die Berufsbezeichnung wußte. Das heißt, sie hatten natürlich alle irgendwas studiert und verdienten irgendwomit Geld, aber immer, wenn man jemanden fragte, was er denn genau mache, hieß es, ich mach da bei dieser Sache mit oder wir ziehen uns da so einen Auftrag an Land, und das stimmte vermutlich auch. Aber während wir bei dreißig Grad im Schatten den Fluß überquerten, die nur einen Steinwurf breite Saale, dachte ich, daß das doch alles ein Riesenunsinn wäre und daß ich Angst hatte vor diesem Kongreß, der garantiert auch nicht Kongreß hieß, sondern Party oder so, und auf dem lauter Leute herumlaufen würden, die alle so aussahen wie Holm und denen es nichts ausmachte, ihr Geld mit etwas zu verdienen, was sie nicht beschreiben konnten, was keiner brauchte und woran sich in drei Jahren niemand mehr erinnern würde. Was war das überhaupt für ein beknackter Name, Zentrale Intelligenz Agentur.
Während Cornelius den Fährmann bezahlte, war ich zum Bug gegangen, und als die Fähre anlandete, ging ich zu Fuß von Bord und legte mich mit dem Rücken auf die Straße, die warm war wie ein Solarium. Falls ein Solarium warm ist von unten, ich weiß es nicht. Ich traue mich da immer nicht rein in diese Sonnenstudios, weil sie zugleich auch immer Nagelstudios sind, und ich fürchte, ich bin nicht die Zielgruppe.
Holm bremste neben mir. Cornelius surrte das Fenster runter und fragte, was ich da machen würde, und ich sagte: "Das siehst du doch."
"Du kannst da nicht liegenbleiben", sagte er, und ich sagte: "Von unten sieht dieses Auto total dämlich aus."
Vor uns begannen die Leute sich zu stauen, die auf die Fähre wollten, und der Fährmann kam angelaufen und sagte ebenfalls, daß ich da nicht liegenbleiben könne. Also stand ich wieder auf und ging ein Stück zu Fuß, und Holm fuhr im ersten Gang hupend neben mir her, und dann stieg ich wieder ein und fragte zum sechsten Mal: "Was gründen wir da eigentlich?" und bekam zum sechsten Mal keine Antwort, und ich war froh, daß ich mit dieser ganzen Scheiße nichts zu tun hatte und nur für das HTML zuständig war. Da mußte ich nicht wirklich wissen, worum es ging. Obwohl ich, wenn ich das richtig sah, die einzige war, die bisher überhaupt etwas getan hatte, was man arbeiten nennen konnte, nämlich die Website gebaut, auf der jetzt so Sachen standen wie: Zentrale Intelligenz Agentur - Analyse und Design kultureller Phänomene. Wir sind da, wo der Zement konkret wird, wo sich Milhouse und Luhmann guten Tag sagen.
Das war erkennbar schwachsinnig, aber letztlich auch nicht schwachsinniger als alles andere, was man in den letzten Jahren so gesehen hatte, und daß meine im Grunde ja zurechnungsfähigen Freunde nun auch damit anfingen, beruhigte und beunruhigte mich zugleich. Genauer gesagt, beruhigte mich für den Bruchteil einer Sekunde der Gedanke, daß auch der restliche geisteskranke Müll der Welt im allgemeinen und dieser Branche im besonderen von im Grunde völlig vernünftigen Menschen wie uns hergestellt wurde, also auch von mir, wenn man einmal richtig darüber nachdachte, und ich versuchte, richtig darüber nachzudenken, aber mir fehlte die Kraft. Cornelius fing wieder an zu reden, und wenn Cornelius zu reden anfing, war es einfach nicht mehr möglich, nachzudenken. Es ging um Holms neue Freundin, die Moderatorin bei Maxim TV war und die noch keiner gesehen hatte außer im Fernsehen, und wie schade es sei, daß sie nicht mitkommen konnte. Cornelius bedauerte das sehr, ich bedauerte Cornelius, und Holm verfuhr sich.
Wir kamen durch Orte mit Namen wie Johannashall und rasten durch verwinkelte Dörfer, ohne einen einzigen Menschen zu sehen. Auch die Straßen waren leer, nirgends ein Auto. An den Straßenrändern wuchsen Kirschbäume, dahinter Kornfelder, groß und schwer im Sonnenlicht. Die Pollenflugvorhersage versprach Not und Elend für die nächsten Tage.
"Kannst du wenigstens mit Rauchen aufhören?" sagte ich. "Mir ist schlecht."
"Soll ich das Fenster runterkurbeln?" sagte Holm.
"Du sollst aufhören zu rauchen."
Holm kurbelte das Fenster ein Stück runter, und ich sagte, er solle anhalten, jetzt es sei genug. Ich würde jetzt aussteigen und zu Fuß weitergehen, er solle auf der Stelle anhalten, und Holm trat das Gaspedal voll durch, drückte seinen Zigarettenstummel im Aschenbecher aus und sagte, ich sei ja wirklich furchtbar anstrengend. Er frage sich, warum er ausgerechnet an mich habe geraten müssen, es gebe doch nun wirklich ausreichend fähige Kräfte in Berlin, die nicht halb so anstrengend wären, aber immer würde er an furchtbar anstrengende Schnatzen wie mich geraten, er habe fast den Verdacht, es liege an ihm.

Das Schloß lag mitten im Dorf, das wie alle anderen Dörfer völlig menschenleer war. Es wurde den größten Teil der Zeit als Filmkulisse vermietet, sagte Max, der uns empfing, für alles andere sei es zu heruntergekommen, hauptsächlich für Pornofilme. "Ich hab alles so gemacht, wie du wolltest", sagte er zu Holm, zu Cornelius: "Der Ordner liegt auf deinem Zimmer", und zu mir: "Du siehst bezaubernd aus, Martina."
"Heidi", sagte ich und guckte einen Türken oder Araber an, der hinter Max stand. Der Araber hatte ein asketisches Gesicht, tiefschwarze Augen, und ich hielt ihn zuerst für das Personal, weil er uns die Zimmer zeigte. Später stellte sich heraus, daß es kein Personal gab, logischerweise. Die Eingangshalle war mit weißem Marmor gepflastert, ein goldener Springbrunnen klebte an der Rückwand. Im zweiten Saal führte eine breite, staubige Treppe nach oben. Danach ging es Schritt für Schritt bergab mit den Räumen, je höher man kam, alles wurde dreckiger, abgewrackter, unsere Zimmer hatten Dachschrägen und ertranken in Staub. Es war aber keine schöne, melancholische Abgewracktheit mit Elementen früheren Glanzes, es war eine abgewrackte Abgewracktheit.
Ich hatte ein Zimmer mit einer fünfzigjährigen Geschäftsfrau aus München zusammen. Holm, Cornelius und Kirk teilten sich zwei Doppelbetten. Mobiliar gab es keins.
Im Flur begegneten wir einigen Gästen, die schon mittags angekommen waren. Sie wirkten erleichtert, schüttelten Holm und Cornelius die Hand, und einer, der Dr. Brander hieß, kam auch zu mir und fragte, was ich mit der Sache zu tun hätte. "Welche Sache?" sagte ich, und er sagte: "Naja, die Sache hier." Ich sah ihn verständnislos an, und Holm rief: "Sie provoziert gern" dazwischen und schob mich in Richtung Festsaal.
Der Festsaal lag hinter hohen Flügeltüren und war riesengroß und leer. Nur an der Bar saß ein Mann, der gerade damit beschäftigt war, einer blonden Frau sein Handy zu zeigen. Ich bestellte einen Wein.
"Das Tolle daran ist", sagte der Mann, "daß man sich die Nummern seiner lieben Freunde nicht merken muß. Man kann diese Nummern einspeichern, so lautet das Fachwort für diesen Vorgang."
Es war Joachim Lottmann, der Schriftsteller, ich erkannte ihn an seinem breiten Rücken. Ich wunderte mich, ihn hier zu sehen, er war nicht eingeladen. Um ehrlich zu sein, er war noch weniger als das. Wie andere notorische Querulanten, Berlin-Mitte-Leute und überhaupt Holms halber Freundeskreis hatte er auf einer geheimen Liste von Personen gestanden, denen gegenüber diese Veranstaltung nicht einmal mittelbar erwähnt werden durfte. Geschweige denn, daß sie schöngedruckte Einladungen erhielten. Die finanzielle Zukunft war auch ein Abschied von der Vergangenheit. Aber natürlich war trotzdem alles irgendwie durchgesickert, das war ja immer so. Und wahrscheinlich war ich nicht ganz schuldlos daran.
Der eigentliche Kongreß sollte erst am nächsten Tag beginnen. Ich nahm mein Glas und untersuchte die Räumlichkeiten. Im Erdgeschoß gab es einen verwaisten Billardraum, daneben einen Konferenzraum, in dem kreisförmig angeordnet etwa zwanzig Tische standen. Auf einem der Tische lag ein Stapel unbeschrifteter Namensschilder und ein roter und ein blauer Edding. Ich krakelte Holm von Foerster (Vorsitzender) auf ein Kärtchen und stellte es in die Mitte.
Eine Tapetentür führte in den Keller. Dort verirrte ich mich in einem Labyrinth. Garnisonen von Badewannen, Kloschüsseln und andere Sanitäranlagen standen herum, alle kaputt oder angeschlagen. Ein Raum enthielt eine DDR-Bibliothek unter meterhohem Staub, davor ein Himmelbett und ein Stativ. Ich fand die Treppe nach oben nicht mehr und kam irgendwo hinterm Schloß wieder raus.
Drückend und staubig lag der August über ungemähten Wiesen. Ein Trecker rostete vor sich hin, große, schlecht ausgedachte Insekten taumelten durch die Luft. Seitlich des Schlosses lag der Parkplatz unter riesigen Buchen. Stimmen waren zu hören, das Geräusch zuschlagender Autotüren, fröhliche Ankunftseuphorie.

Als ich ins Schloß zurückkam, wurde gerade das Buffet geliefert, das schinkenbraun auf salatgrün das Logo der Zentralen Intelligenz Agentur darstellte. Ein Computer mit nur drei Tasten, auf denen Z-I-A stand. Ich trank noch einen Wein und dann noch einen und blieb gleich an der Bar stehen. Auf der Wand über der Bar lief ein Pornofilm, vermutlich hier auf dem Schloß entstanden, möglicherweise sogar auf unseren Matratzen. Zum Glück agierten die Hauptdarsteller weitgehend bekleidet, und es war auch noch so hell im Festsaal, daß wesentliche Details verschleiert wurden. Neben mir stand Kirk und starrte auf den Film. Kirk war für die ZIA so etwas Ähnliches wie Holm, nur mit weniger Verantwortung und mehr Nervosität. Außerdem war er der einzige, der dem Anlaß entsprechend einen korrekten Anzug trug. Er hatte Schweißperlen auf der Stirn und war schon beim Wodka angelangt.
"Alles klar?" sagte ich.
Kirk antwortete nicht und schaute weiter auf die Wand.
Jemand streckte ein leeres Bierglas zwischen unseren Köpfen hindurch und sagte zum Barkeeper: "Bitte mal die Luft rauslassen."
Ich drehte mich um. Joachim Lottmann schon wieder. Aus dieser Nähe war sein Anblick absolut erschreckend. Gelbe Bartstoppeln im Gesicht, Petechialblutungen um die Augen. So aufgelöst hatte ich ihn noch nie gesehen.
"Joachim, was machst du denn hier!" sagte ich und versuchte, überrascht zu wirken.
"Heidi!" antwortete er. "Wie wunderbar!"
"Sie hat recht", sagte Kirk und drehte sich um. "Bitte beantworte die Frage."
"Und Kirk ist auch da!" rief Lottmann begeistert. Er drückte beide Hände in die Luft wie ein pritschender Volleyballer. "Ich wußte gar nicht, daß ihr auch zu dieser Impertinenzagentur gehört. Endlich intelligente Lebewesen. Ich war gerade auf der Popkomm." Er pritschte noch drei, vier Bälle übers Netz.
"Bei Ihnen auch mal die Luft rauslassen?" sagte der Barkeeper, der laut Namensschild Etzel hieß und offensichtlich nicht alle Tassen im Schrank hatte. Ich nutzte die Gelegenheit zu einem Fluchtversuch, aber eine energische Hand auf der Schulter hielt mich zurück.
"Jetzt mal im Ernst", sagte Lottmann. "Ich muß mit dir sprechen, Heidi. Du kannst dir sicher vorstellen, worum es geht. Es ist folgendes." Seine Hand begann meine Schulter zu kneten, ich wischte sie weg. Lottmann schaute in sein Bierglas, in dem eine Fliege schwamm und puhlte sie mit dem Finger raus. Er strich den Finger an der Hose ab und hievte erneut seine Hand auf meine Schulter. Ich wischte sie wieder weg.
"Das ist natürlich nicht die richtige Umgebung hier für Geständnisse, aber was rede ich. Ich will ganz offen sein. Wer mich kennt - und du kennst mich", sagte Lottmann und gab einen kurzen Abriß seiner Biografie. Seine Augen flackerten wie ein nasses Streichholz, die rechte Körperhälfte pendelte stark. Um den Pendelschwüngen auszuweichen, bewegte ich mich ständig von seiner freien Hand weg, wir drehten uns im Kreis. Über Lottmanns Schulter erschien ein Panorama des Raumes. "Ich bin kein Mann der Umschweife. Ich mache es kurz", sagte Lottmann und ahmte mit einem Arm die Antriebskurbel für unser Karussell nach. "Das heißt, wenn es dir lieber ist, können wir auch erstmal ein bißchen Smalltalk machen, wie es die bürgerliche Konvention erfordert. Oder wir gehen gleich in medias pro reo."
Eine Frau in Converse-Turnschuhen, Armeehosen und mit Gucci-Sonnenbrille im Haar tauchte über Lottmanns Schulter auf, die hochattraktive Julia Mantel. Wir hatten in Frankfurt einmal kurze Zeit in einer WG zusammengewohnt und uns einen Mann geteilt, ohne es zu wissen. Oder zumindest ich hatte es nicht gewußt.
"Es ist so!" sagte Lottmann und schraubte meinen Kopf mit beiden Händen zurück in seine Richtung. "Heidi. Es ist absolut entscheidend für mich, Klartext zu reden. Dein Einverständnis immer vorausgesetzt. Leute, die nicht Klartext reden, sind meiner Meinung nach nicht wert, daß sie überhaupt existieren. Um es einmal in einem delikaten Bild auszudrücken: Wir sitzen beide im selben Boot. Und das wissen wir auch."
Der Blick nasser Streichhölzer versuchte mich zu durchbohren.
"Aber das Boot ist kein Boot", sagte Lottmann.
Stillstand im Karussell. Er tippte auf seine rechte Brust.
"Hab ich dir eigentlich schon mein Piercing gezeigt?"
"Drei oder vier Mal."
"Okay, Heidi, hör zu. Holm sitzt natürlich auch mit drin, in dem Boot. Und Cornelius. Und Kirk. Ich möchte dir eine Frage stellen - nein. Dafür ist es noch zu früh. Ich muß etwas vorausschicken. Du bist doch auch, wenn ich das so direkt sagen darf, Heidi - was für ein fantastischer Name - Heidi, du bist doch auch mit dieser Agentur bekannt." Er kurbelte seine Mundwinkel hoch, wie er es bei anderen Menschen beobachtet hatte, wenn sie herzlich wirkten. "Das soll kein Vorwurf sein! Aber das bedeutet, daß du eine gewisse intime Bekanntschaft mit Vorgängen hast, ich meine, Vorgänge im Sinne von Daten, Daten als Fakten, du weißt, was ich meine - letztlich, Heidi, diese Agentur, ich würde dich bitten, es geht für mich um Leben und Tod, ich muß das einmal so klar umschreiben ..." Und so weiter und so fort. Eine halbe Stunde lang ging das noch so, dann kam ein Mann in einem weißen Anzug vorbei, und Lottmann drehte sich auf dem Absatz um und rannte ihm hinterher. Für seine Verhältnisse war das eine gute Fünfkommazwei.

Julia Mantel stand noch immer an der Bar, die Brust rausgestreckt, die Ellenbogen rückwärts auf der Theke. Ich ging zu ihr rüber.
"Du siehst schlecht aus", sagte Julia. Sie hatte zwei Semester Psychologie studiert.
"Laß uns in medias pro reo gehen", sagte ich. "Erinnerst du dich an diese Geschichte in Frankfurt?"
Ich fragte mich insgeheim, was Julia hier wollte. Ich hatte ihr persönlich eine Einladung geschickt, aber ohne im geringsten damit zu rechnen, daß sie sich für diesen Schwachsinn hier interessieren könnte. Julia war Lyrikerin und wurde bereits in einem Atemzug mit Brinkmann oder Stolterfoth genannt. Darüberhinaus war sie einmal Gesicht '98 gewesen, so hatte ich sie kennengelernt. Trotz Suhrkamp konnte sie von ihrer Lyrik nicht leben und mußte immer in so Sachen wie dem neuen Raffaelo-Spot mitspielen. Es sei zum Glück sehr einfach, da reinzukommen, sagte Julia. Es gebe nur sehr wenige Menschen, die mit offenem Mund von etwas abbeißen könnten, ohne dumm dabei auszusehen. Darüber hatte ich nie zuvor nachgedacht. Aber es leuchtete mir ein. Eat People war der Branchenjargon dafür. Julia nahm einen Schluck Mineralwasser, indem sie es in ihren halboffenen Mund rieseln ließ. Es sah fantastisch aus.
Neben Julia waren noch fünf oder sechs andere Autorinnen da, wie sie vom Literaturinstitut in Leipzig gerade in Reihe gestanzt wurden. Die aktuelle Stanze war langhaarig und ein bißchen dicklichgesichtig, und die Bücher, die sie schrieben, hießen immer Körpersommer oder Silberwolken oder Fingerspiele - Holm hatte das alles gelesen. Eigentlich waren sie als Deko gedacht, aber es stellte sich schnell heraus, daß es eine gute Entscheidung gewesen war, die Mädels gleich im halben Dutzend zu nehmen. Erst in dieser Menge wurden sie richtig wirksam.
Julia ähnelte ihren Kolleginnen in keiner Weise, sie schien auch nicht viel von ihnen zu halten, und das wunderte mich nicht. Wenn man eins von Julia nicht sagen konnte, dann, daß sie mit dickem Gesicht aus Leipzig kam oder Titel wie Körpersommer geschrieben hatte, das wäre völlig unterhalb ihrer Pathosschwelle gewesen.
Ich erklärte ihr Sinn und Zweck dieser Party, aber es schien sie nicht besonders zu interessieren. Statt dessen wollte sie von mir wissen, was mit meinem Bruder los war. Wie alle anderen hatte sie die Gerüchte gehört, und ich erzählte ihr Version zwei. Leuten, die Hendrik kannten, erzählte ich normalerweise Version eins. Aber denen, die ihn nicht kannten, erzählte ich der Einfachheit halber immer, was in der BZ gestanden hatte. Das war weniger mühsam und in sich auch irgendwie schlüssiger. Der Todesengel von der Charité.
"Das ist ja entsetzlich", sagte Julia und gähnte.
Kirk klopfte mir auf die Schulter und fragte nach den Ausdrucken. Er hatte jetzt kein Wodkaglas mehr in der Hand, sondern einen Aktenordner, und an seinem Kopf klebte ein kleines, pfeilförmiges Schild mit der Aufschrift: Der Chef schickt mich.
"Was für Ausdrucke?" sagte ich. Ich erinnerte mich dunkel, daß sie damit schon am Vorabend angefangen hatten.
"Die Website", sagte Kirk, "die Ausdrucke."
"Wozu soll man eine Website ausdrucken?" sagte Julia, und ich sagte, das sei eine sehr intelligente Frage.
"Weil es hier keinen Anschluß gibt, wie oft soll ich das noch sagen?"
"Ich hab nicht mal den Rechner dabei."
"Das ist nicht dein Ernst", sagte Kirk, und sein Blick fiel hinunter auf Julias Brüste. Er redete weiter und wiederholte sich und blickte wie magnetisiert auf Julias Brüste und verlor den Faden.
"Wo hast du diese fantastischen ... diese fantastischen ..." sagte Kirk.
"Sind sie dir aufgefallen?" kicherte Julia. Sie erlaubte uns, einmal anzufassen.
"Großartig", sagte ich.
"Enorm", sagte Kirk.
Kirk versuchte sich unter Zuhilfenahme von Mimik an den vorigen Gesprächsgegenstand zu erinnern, aber bevor er soweit war, unterbrach ihn ein furchtbarer Schrei. Es war nicht der erste seiner Art, sondern der dritte oder vierte bereits in einer langen Reihe sich kontinuierlich steigernder, furchtbarer Schreie.
Auf einem roten Sofa saß ein kleiner, korpulenter Mann in Kochuniform und nölte in ein Bierglas hinein. Wiglaf Droste, auch er nicht eingeladen. Vermutlich von der taz dazu abbestellt, einen seiner gepfefferten (ganz schön scharfen, umstrittenen) Textbausteine über diesen Kongreß zu verfassen. Er sah allerdings nicht mehr wirklich so aus, als sei er dazu noch in der Lage. Droste saß auf dem denkmalgeschützten, roten Polstersofa aus dem achtzehnten Jahrhundert und blieb dort auch bis zum Ende der Veranstaltung sitzen, also noch etwa fünf oder sechs Stunden lang, in denen er leise vor sich hin nölte mit einem gewissen Singsang, der wahrscheinlich mehr sein sollte, als das Gelall eines Betrunkenen, aber nicht mehr war, um in unregelmäßigen Abständen immer wieder laut aufzuschreien, und zwar, wenn man einmal genau hinhörte, etwas, das wie "KRAATZIMIAMSACK!" klang.
Kirk verdächtigte mich sofort, für Drostes Anwesenheit verantwortlich zu sein, und das fing an, mir auf die Nerven zu gehen. Kirk war ein Opfer der Holmschen Verschwörungstheorie, es sei mein nicht sehr geheimes Lebensziel, Sabotageakte an ihnen und ihrer komischen Agentur zu verüben.
"Warum sollte Holm einen solchen Deppen einladen?" sagte Kirk mit einem Rest von akzeptabler Logik, und ich vermutete, vielleicht verspräche er sich Stimmung davon. Oder er hoffte, nicht selbst derjenige auf der Veranstaltung zu sein, dessen Augen am weitesten außen am Kopf angebracht waren. Oder es ginge in Wirklichkeit um etwas ganz anderes, sehr viel Größeres, Geheimeres, der Otto-Mühl-Kolonie Vergleichbares -
Adlatus Kirk hörte nicht mehr zu. Er drehte sich um und kam nach einer Minute mit dem Chef zurück, der den Sabotagevorwurf wiederholte und behauptete, auf seinen Listen habe kein Droste draufgestanden und im übrigen auch kein Lottmann und - er unterbrach sich und sah irritiert in Julias Ausschnitt. Ich fragte, was er damit sagen wolle.
"Das, was ich sage", sagte Holm.
"Du redest Mist", sagte ich. "Ich kenn Droste überhaupt nicht, ich war ein Mal mit ihm Bier trinken, und ich hab auch mit der taz nichts zu tun, im Gegensatz zu dir, und wenn du ihn nicht eingeladen hast, dann macht der hier gerade den Wallraff, und du kannst ihn ohne weiteres rausschmeißen, du hast schließlich das Landrecht oder wie das heißt."
Aber dazu war Holm natürlich auch zu feige.
"KRAAATZIMIAMSACK!"
Kirk zuckte zusammen und bohrte sich mit dem Zeigefinger den Schall aus den Ohren. Holm machte eine Handbewegung zum DJ-Pult: alle Regler nach rechts. Der DJ war halbnackt und spielte Jeans Team und Telekommander und so was, und Brander tanzte mit einer Frau, die zwei Köpfe größer war als er, Walzer dazu. Ich holte mir noch was zu trinken.
Als ich zurückkam, stand vor Holm ein Mann mit fettigen Haaren und Helmut-Lang-Jacke. Es war der Kunststudent, der unser Logo auf den Bus gesprüht hatte, und er redete wirres Zeug, schwankte stark und versuchte eine Übung, die in Umrissen noch als Drohstarren zu erkennen war. Holm sah den Mann gar nicht an. Holm sah aus den Augenwinkeln mich an, als sei dieses Wrack ein erneuter, verzweifelter Schachzug von mir. Ich zeigte ihm den Vogel. In diesem Moment holte das Wrack weit aus, wie zu einem Schwinger. Der Schwung riß ihn um. Er fiel zu Boden, stöhnte und schlief ein.
"Der kann da nicht liegenbleiben", sagte Holm und ging zum Buffet.
Es wurde langsam unübersichtlich.

Julia nahm einen Fuß des Bewußtlosen hoch und machte eine Aufwärtsbewegung mit dem Kinn. Ich nahm den anderen Fuß, und wir schleiften den Körper aus dem Saal. Seine Arme schlugen über ihm zusammen. Im Treppenhaus kam uns Dr. Brander zu Hilfe, dann noch der Araber. Zu viert wuchteten wir den Studenten die Treppen hoch, sein Kopf bollerte gegen die Stufen. Einige Male erwachte er und schlief wieder ein. Im erstbesten Zimmer warfen wir ihn auf eine Matratze, und Julia versuchte, ihn in die stabile Seitenlage zu bringen. Sie zog an Armen und Beinen, bediente verschiedene Hebel und steckte dem Leblosen zum Schluß eine Zigarettenschachtel zwischen die Zähne, damit er nicht ersticken konnte. Als Kind habe sie immer Krankenschwester werden wollen.
"Wer ist das eigentlich?"
Niemand antwortete.
Brander holte einen silbernen Flachmann raus. Wir tranken und genossen das merkwürdige Zusammengehörigkeitsgefühl nach großen körperlichen Leistungen. Gleichzeitig wirkten Erschöpfung, Schmutz und Abgewracktheit der Umgebung deprimierend auf mich und wahrscheinlich auch auf alle anderen ein, und sie begannen, sich über Holm zu unterhalten. Keiner kannte ihn genauer, aber die wenigen Details, die ihnen zu Ohren gekommen waren, hatten seltsame Bilder in ihnen heraufbeschworen. Man spekulierte über Größe und Zukunft des Unternehmens ZIA, Enthusiasmus flammte auf und verwandelte sich nach wenigen Minuten in einen Steppenbrand, und das alles überraschte mich nicht. Hätten die Leute kritischen Geist besessen, wären sie der Einladung ja gar nicht erst gefolgt.
"Du weißt das doch besser", sagte Julia, "du hängst doch mit drin."
Ich winkte ab.
"Sie ist die Chef-Organisatorin", erklärte Julia den anderen.
Ich schüttelte den Kopf. Meine Stellenausschreibung lautete HTML-fähige Putzkraft, nach Möglichkeit taubstumm.
"Die Chefin?" sagte Brander.
"Ja", sagte Julia.
"Nein", sagte ich.
"We häff ways to make you tock!" sagte Brander und hielt mir launig den Flachmann an den Mund. Er fing an, mir auf den Geist zu gehen.
Ich hatte den Eindruck, bereits ausreichend Widerstand gegen diese Veranstaltung geleistet zu haben und wollte nicht noch über Holm und seine Geschäfte reden - und ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, warum ich es dann doch tat. Vielleicht wegen dem Alkohol, vielleicht auch aus Redlichkeit. Vielleicht, weil die Bässe im Fußboden auf einmal durchdrehten. Oder wegen dem Araber. Er hatte wirklich wunderbare, schwarze Augen. Er trug einen äußerst eleganten Anzug, und seine Hände waren schmal und mädchenhaft.
Ich erzählte von Holms Immobiliengeschäften, seinen Reisen in den Osten, der Sache mit den Warhols. Holms Vater war luxemburgischer Finanzminister, seine Mutter hatte in den 70ern in der Factory gearbeitet und sich von Andy ihren gesamten Hausstand signieren lassen. "Eine der fünf reichsten Frauen Deutschlands", sagte ich und wunderte mich selbst, was ich da redete. Teilweise kamen diese Informationen von Cornelius, einiges hatte mir ein Mann mit Vollbart auf einer Party erzählt, der Rest hatte so oder so ähnlich in der Jungle World gestanden. Holm selbst hatte einen Reemtsma-Komplex und konnte über diese Dinge nicht sprechen. Oder zumindest mit mir nicht, ich kannte ihn ja noch nicht lange. Branders Gesicht wechselte von weiß zu rot zu rosa, von Interesse über Jovialität zu äußerster Anspannung.
"Das Menschliche", sagte ich und machte eine alberne Kunstpause. Ich übersetzte meine Gedanken ins Englische und wieder zurück. "Aber auch, was seine Fähigkeiten angeht! Unser Büro hat er in weniger als einem Tag tapeziert und gestrichen. Und beruflich -"
"Beruflich?" sagte Brander.
"Ja, beruflich", sagte ich. Ich wischte mir mit der Hand über Gesicht und Augen, als würde ich Hautcreme verreiben. "Beruflich hat er eben schon sehr viele Erfahrungen gemacht."
"Erfahrungen", sagte Brander.
"Erfahrungen. Ein Mensch wie Holm und eine Agentur wie diese, das ist wirklich neu. Das ist groß. Das einzige, was man halt nicht erwarten kann, ist definitiv Geld. Aber!" Ich hob beschwörend die Augenbrauen. "Das bleibt natürlich unter uns."
"Natürlich!" sagte Brander.
"Natürlich", sagte der Araber.
Der Bewußtlose gurgelte.
Brander schraubte umständlich seinen Flachmann wieder zu und ließ ihn in der Jackettasche verschwinden. "War ja klar", sagte er und sah uns der Reihe nach an wie Schafe in der Abiturprüfung. "Zentrale Intelligenz Agentur! So einen Namen würde man doch nicht geschenkt haben wollen."
"Jetzt wird gefickt!" rief der Bewußtlose, ohne aufzuwachen. Die Zigarettenschachtel war ihm aus dem Mund gerutscht. Julia verstaute sie erneut im Bewußtlosen und sagte, ihr sei das letztlich auch ganz egal. Sie sei hier, um Kontakte zu knüpfen.

Im Festsaal war mittlerweile alles außer Kontrolle. Die DJs waren bei Scooter angelangt, und ein Mann im Zweireiher rollte auf einem Bobbycar zwischen den Tanzenden hindurch. Natascha unterhielt sich mit einem Mann, der behauptete, Pornodarsteller zu sein, seine Crew habe ihn am Vortag vergessen. Sie redeten über Foucault. Die ganze Atmosphäre war irgendwie unangenehm. Der Darsteller wollte wissen, was ich so mache. Das gleiche hatte er Natascha auch schon gefragt. Ich fragte zurück, ob er Lust auf Kontakte habe, in zehn Minuten in Zimmer 14.
Dann ging ich zur Theke und zapfte mir noch ein Bier. Dort traf ich Simon, der sich ebenfalls ein Bier zapfte, weil der Wirt oder der Schloßherr oder was immer das war, aufgegeben hatte, und ich fragte Simon, ob er Lust auf Kontakte habe, und er sagte: "Ja, aber nicht mit dir."
"Ich hab da was entdeckt", sagte Holm und zog mich in einen winzigen Nebenraum. Er schob mit dem Fuß einen Stapel leerer Pappkartons zur Seite und kroch unter einen Tisch. Ich kroch ihm nach. Er zeigte auf eine Dreifachbuchse in der Wand.
"Ja und?"
"Da", sagte er ehrfürchtig, "das Internet."
Er war abgefüllt wie eine Haubitze. Ich fragte ihn, wieso er glaube, daß da DSL drauf wäre, und er fing an zu weinen. Er hämmerte auf meinen Oberschenkel und fragte, wie er morgen diese Scheißagentur gründen solle, wenn nichts, aber wirklich auch gar nichts funktioniere, und ich sagte, er solle sich keine Sorgen machen, er würde das schon hinkriegen. Er sei die letzten dreißig Jahre mit dieser Einstellung durchs Leben gekommen, da werde sich jetzt nicht ausgerechnet morgen plötzlich was dran ändern. Vielleicht könne er die Tatsache, daß wir eine Internetklitsche seien, auch einfach gar nicht erwähnen, den Webauftritt totschweigen oder noch besser behaupten, wir hätten gar keinen. Der Trend ginge eh zur Zeit stark in Richtung Retro.
Wir saßen unter dem staubigen Tisch wie spielende Kinder, und Holm sah mir ins Gesicht, ein Hoffnungsschimmer leuchtete in seinen grünen Augen.
"Ich sag einfach Vintage", sagte er.
"Du sagst einfach Vintage", sagte ich. "Das ist super. Das ist noch besser als Retro."
Sascha Lobo kam herum und verteilte Ritalin und noch was aus einem rosa Handytäschchen. Er war Besitzer einer Fußball-Wettbörse. Ich nahm zwei Tabletten und spülte sie mit Bier hinunter. Die Wirkung der Tabletten wurde durch den Alkohol verhindert oder verzögert, oder die Wirkung des Alkohols durch die Tabletten, das hatte ich mal gelesen, aber ich spürte nichts. Später kam dann Marek herum und verteilte was anderes, das war deutlicher zu merken.
"Holm sucht dich", sagte Marek.
"Was?"
"Holm sucht dich."
"Immer noch?"
Von hinten näherte sich schon wieder Lottmann. Man erkannte das, wenn man nach vorn guckte, daran, daß alle Leute einem plötzlich den Rücken zukehrten. Ich hatte ihm schon den Rücken zugekehrt, mußte also nicht mehr handeln. Diesmal ging er zum Glück an mir vorüber, prallte auf die Mädels vom Leipziger Literaturinstitut und verstrickte sie in sein Elend. Er erklärte ihnen der Reihe nach, warum Verlage scheiße und Agenten Gott wären. Er erklärte, daß er sie alle bei Rowohlt unterbringen würde. Er sagte, es sei ein Anfängerfehler, Elke Heidenreich zu ignorieren, weil sie keine Ahnung habe. In Wirklichkeit habe sie mehr Ahnung als Rainer Goetz und Diedrich Diederichsen zusammen.
In der einen Hand hielt Lottmann einen Schaschlikspieß und lutschte mit geschürzten Lippen die Fleischstückchen herunter, während er redete, und wenn er nicht redete, dirigierte er die Unterhaltung, indem er den Schaschlikspieß, auf dem jetzt nur noch ein durchsichtiger Paprikaschnipsel steckte, im Takt auf und ab schwang und immer auf das Mädchen zeigte, das als nächstes reden sollte. Mit der anderen Hand knüpfte er sein Hemd über der Brust auf und wedelte es mit leichten Flügelschlägen von den Schultern. Die Mädchen kicherten. Sie kannten ihn nicht.
"Geht's wieder los?" sagte Natascha. "Holm sucht dich."
"Ich weiß", sagte ich.
Lottmann unterbrach die Blondeste mit dem Taktstock. "Es kommt darauf an, daß man lieb zueinander ist." Er lutschte den Schaschlikspieß sauber, schob ihn durch sein Brustwarzenpiercing und drehte das Ende wie einen Schraubstock ein Mal herum. Mit einer Fingerkuppe hielt er das zitternde Hölzchen fest. Dann ließ er los und drehte in die andere Richtung, als könne er ein Uhrwerk in seinem Innern aufziehen. "Die alte Rechtschreibung ist besser als die neue", sagte er. "Aber das Wichtigste darf man nicht aus den Augen verlieren. Wenn man nichts zu sagen hat - badabim, badabong." Er kurbelte, ein kleiner Blutstropfen rann die Haut hinunter. Ich hatte das auch schon mit Kugelschreibern und zusammengerollten Postkarten gesehen. Die Mädchen, die bereits zuvor sehr still gewesen waren, trugen die Erkenntnis, daß Literatur ein schmutziges Geschäft war, mit großer Fassung, wie ich fand. Als Lottmann anfing, an seiner Gürtelschnalle herumzunesteln, ging ich Holm suchen.
Holm war nirgends zu finden. Statt dessen traf ich Kirk auf dem roten Polstersofa. Er saß dort neben Wiglaf Droste und hatte einen Schnuller im Mund.
"Wo ist Holm?" fragte ich ihn.
"Ngh-ngh-ngh", sagte Kirk.
"KRAAAAAAATZIMIAMSACK!"
Ich griff nach dem Schnuller, Kirk drehte den Kopf weg.
"Wo ist Holm!" sagte ich.
"Ngh-ngh", sagte Kirk und sah mich an wie Maggie Simpson.
"Es ist wichtig."
Kirk hob Arme und Beine und hopste auf dem Sofa, indem er nur den Rücken krümmte und streckte.
"Kirk!" sagte ich.
Er quiekte und griff nach meinem Oberschenkel. Cornelius kam vorbei, und ich fragte ihn, wo Holm sei.
"Wo gibt's denn diese Schnuller?" sagte Cornelius.
"Ngh!" sagte Kirk, und Cornelius schaute in die Richtung von Kirks ausgestrecktem Arm. Dort schleppte der Schloßherr zwei Kinder aus dem Saal, unter jedem Arm eins.
"Ich wünsch euch die Pest an den Hals", sagte ich.
"Ngh-ngh-auch", sagte Kirk, dem bei dem letzten Wort der Stöpsel aus dem Mund gefallen war.
"Sag mir, wo der bescheuerte Chef ist, Mann!"
"Daaa irgendwo", sagte Kirk gelangweilt.
Cornelius zupfte mit dem Mund den Strohhalm aus seinem Cocktail, zielte und spritzte mich naß. Dann rannte er weg. Ich rannte hinterher. In der Großküche erwischte ich ihn und goß ihm mein Bier über den Rücken. Eine Frau stand an einem großen Edelstahltisch und schnitt Zwiebeln. Sie war um die dreißig, irgendwo zwischen Cheerleader und Gouvernante, sah mich streng an und sagte, ich solle die Schweinerei wieder wegmachen. Sie meinte das Bier. Ich sah mich nach Cornelius um, Cornelius war verschwunden. Meine Wahrnehmung verlangsamte sich spürbar.
Die Küche hatte große, graue Granitfliesen. Während ich das Bier auffeudelte, begann meine Tätigkeit mir bedeutsam und tiefsinnig zu erscheinen, und ich wischte mit großen, buddhistischen Schwüngen die ganze Küche, unter allen Tischen durch und dann das Nebenzimmer und den Flur, bis die Cheerleaderin mir den Schrubber aus der Hand nahm und sagte, jetzt sei es mal gut, ich solle aus ihrer Küche verschwinden.
Ich machte einen Spaziergang durch das Dorf, weil ich dachte, das würde mir guttun. Die ersten Autos fuhren bereits vom Parkplatz. Brander rollte in einem Cabrio an mir vorbei, ohne mich zu bemerken. Die Nachtluft war herrlich, aber die Straßen schienen mir eng und sinnlos, und ich fand mich nicht zurecht. Eine Art Turnhalle stand in der Nacht herum wie ein Schrank. Über dem Eingang ein Schild BIG FUN, alle Fenster waren mit Brettern vernagelt. Nirgends Menschen. Ich dachte schon, es gäbe keine, da fand ich auf dem Dorfplatz vier Glatzen und ein Moped im Schein einer Straßenlaterne. Eine Simulation von Dorfjugend. Ich fragte sie, warum sie Eminem hörten auf ihrem Kassettenrekorder, statt Störkraft oder Frank Rennicke. Das kannten sie nicht mal, ich mußte es ihnen vorsingen. "Wir stehen am Wege und lauschen dem Sang, fremd klingt das Wort, fremd ist sein Klang, wir haben nicht Hof mehr, noch Haus, noch Feld, der Fremde hat's erworben mit schmählichem Geld." Ich wiegte mich in den Hüften und machte Windmühlenbewegungen mit beiden Armen, während ich sang, und die Dorfjugend schaute mich mit ihren großen, traurigen Zonen-Augen an. Dann schenkten sie mir ein Bier. Ich ging durch die weiter werdenden Gassen langsam und über die Felder hinaus in die Nacht. Ich versuchte im Stehen zu pinkeln und setzte mich hin, als mein linkes Bein naß war. Auf einer Straße unter einem Kirschbaum legte ich mich ins Gras. Ich sah den Polarstern, den einzigen Stern, den man mit bloßem Auge erkennen kann, und ich erinnerte mich, was Holm einmal zu mir gesagt hatte, als ich ihn kennengelernt hatte. Da war es auch Nacht gewesen.
"Schatzi", hatte Holm gesagt. "Das Weltall ist unendlich groß. Das entspricht der Größe von unendlich vielen Fußballfeldern."

Danach habe ich eine kurze Erinnerungslücke. Das nächste, was ich weiß, ist, wie ich im Billardsaal stand und von meinem Bruder erzählte. Ich glaube, ich hatte über den Hof ins Schloß zurückgefunden, durch den Keller, durch die Tapetentür oder wie auch immer. Ich hatte jetzt einen Queue in der Hand und jemand fragte mich, was los sei. Der Mann, von dem die Frage kam, hatte auch einen Queue in der Hand und eine gepunktete Fliege am Kragen. Ich versenkte die Acht, und der Mann fischte sie wieder aus dem Loch, bevor sie weglaufen konnte, und legte sie zurück auf die Stelle, wo sie zuvor gelegen hatte. Wie in der Quantenmechanik, dachte ich, ist es mit diesen Kugeln, der Zeitpfeil hat keine erkennbare Richtung.
"Was ist mit deinem Bruder", sagte der Mann und wurde von Natascha unterbrochen, die mit einem Hut herumging.
"Jolo ist jetzt fünfzig und hatte noch nie Geschlechtsverkehr", sagte sie. "Wozu hat man denn Freunde? Eine Polackin aufs Zimmer, irgendwas Leidensbereites, egal."
Ich gab zwei Euro. Der Mann, mit dem ich Billard spielte, fünfzig Cent.
Der Schloßherr tauchte in der Tür auf. Er schrie, wer diese Idioten reingelassen habe. Wörtlich so. Die dürfe man hier nicht reinlassen, rief er, die wären ins Schloß eingedrungen, die seien ihm alle bekannt! Das seien alles Nazis, die entweder gegen obszöne Filme, die hier gedreht würden, protestieren oder, schlimmer noch, in ihnen mitspielen wollten, die dürfe man auf keinen Fall reinlassen, die Tür habe immer fest verschlossen zu bleiben, ob wir das verstanden hätten? Mit denen dürfe man überhaupt nicht - die hätten behauptet, eine Einladung nach Zimmer 14 zu haben. Wenn das nächste Mal einer durch die Tür da komme, da auf dem Sims läge CS-Gas bereit, das läge da immer, für alle Fälle. Er wartete, bis wir das abgenickt hatten und ging dann in den nächsten Raum, um seine Botschaft zu wiederholen.
"Dein Bruder", sagte der Mann. Ach ja, mein Bruder. Ich schaute mich um, wer eigentlich alles anwesend war. Der Araber saß rittlings auf einem Stuhl. Das läuft ja ausgezeichnet, dachte ich. Dann noch ziemlich viele Leute, die ich nicht kannte. Ich streckte meinen Hintern raus und legte auf eine grüne Kugel an, der Mann hielt meinen Queue fest. "Du bist nicht dran", sagte er. Ach so, ich war nicht dran. Alles klar.
Aus dem Nebenraum waren Schreie und Gelächter zu hören. Der Billardmann warf die Kreide hoch und fing sie wieder auf. "Dein Bruder", sagte er. "Mein Bruder", sagte ich. Ich erzählte Version zwei. Sie machten die üblichen Gesichter, und ich wartete, bis sie die üblichen Fragen stellten. Alle stellten immer die gleichen Fragen. War er es wirklich? War es was Sexuelles? Ist dir das in der Kindheit schon aufgefallen? Empörung und Empathie. Aber wWenn man ehrlich ist, es gibt keine Empathie. Die ganze Sache ließ mich kalt. So wie die Sache mit Christines Vater mich kaltgelassen hatte. Vater hat Darmkrebs, Liebling? Schön für ihn. Ich meine, natürlich sagt man nicht schön für ihn, auch nicht hinter seinem Rücken. Aber das Mittagessen kommt einem auch nicht gerade wieder hoch, wegen ein bißchen Darmkrebs, den irgendwer hat, den man nie besonders mochte. Wobei Darmkrebs auch schon sehr speziell ist, daran möchte man ja doch lieber nicht sterben. Wenn schon, dann bitte was Spektakuläres, was auch nach dem vierten Glas Wein noch für Unterhaltung sorgt. Creutzfeld-Jakob zum Beispiel oder Chorea Huntington. Oder noch besser, Meteoriteneinschlag. Und am besten natürlich, das fiel mir jetzt wieder auf, ein Bruder, der schon als Kind Meerschweinchen auf Brotschneidebrettern gekreuzigt hatte. Das wirkte auf alle, die da im Billardsaal saßen, mindestens so, als hätte ich keinen BH an oder wäre der Dalai Lama. Welches Elend! Welcher Wahnsinn in dieser Familie! Wenn man es zu oft erzählte, nutzte es sich allerdings ab. Die aufmerksamen, hochkonzentrierten Gesichter fingen an, mich zu quälen, und wie ein Dia durch meinen Kopf wurde das Bild gezogen, wie ich noch vor wenigen Minuten unter einem Kirschbaum gelegen und glücklich mein Bier getrunken hatte. Tränen stiegen mir in die Augen. Was für eine reizende Person, dachten die Leute wahrscheinlich. Ich beendete das Spiel, indem ich zum zweiten Mal die Acht versenkte. Dann sah ich mich nach dem Araber um, er war verschwunden. Ich ging ihn suchen. Oder ich ging Holm suchen. Was auch immer.
"Du gehörst doch auch dazu", sagte jemand auf der Treppe und drückte mir einen Zettel in die Hand, eine abgerissene Kinokarte von Matrix III. In dem Zustand, in dem ich mich befand, hatte ich leider nicht mehr die seelische Energie, darauf zu achten, wer mir diese Karte zusteckte und warum. Erst einige Tage später, als bereits klar war, daß aus der Zentralen Intelligenz Agentur nichts mehr werden oder sie zumindest nicht den Holtzbrinck- oder Rupert-Murdoch-Maßstab annehmen würde, den Holm avisiert hatte, und in der Bedeutungslosigkeit versank wie praktisch alles, was man zu dieser Zeit anpackte, fand ich den Zettel in meiner Tasche wieder. Auf der Rückseite hatte jemand mit winziger Schrift etwas notiert.

- Allgemeines, Begrüßung
- 10 nach vorn
- Natascha, Nele, evtl. Kirk?
- zwanglos ins Get-Team
- Y über Asien (abwürgen)
- in Modulen denken / in Modulen handeln
- nachhaken wegen Seele
- 2000 Leute, die das Rechtliche regeln

Die Handschrift kannte ich nicht. Ich hatte Holm im Verdacht, aber im Prinzip konnte es jeder gewesen sein.
Ich betrat den Festsaal, sah Wiglaf Droste und ging wieder hinaus. Ich hatte vergessen, was ich wollte. Mir kam die Idee, nachzuschauen, ob die Orgie in Zimmer 14 schon begonnen hatte. Oder ob es das Zimmer überhaupt gab. Es gab Zimmer 14, und es lag direkt unter dem Dach. Die Tür stand weit offen. Es war, logisch, das Zimmer, wo wir den Besoffenen abgelegt hatten. Er lag da noch immer in der halbstabilen Seitenlage, aber er hatte jetzt keine Zigarettenschachtel mehr im Mund, nur eine leere Bierdose stand senkrecht auf seiner Schläfe. Um ihn herum Unmengen von Leuten. Alle hatten orange Cocktails mit grünen Schirmchen in der Hand und unterhielten sich, genau wie unten im Saal. Durch den Fußboden hämmerte der Baß. Die meisten schienen mit ihren Kräften am Ende, aber allen stand der eiserne Wille ins Gesicht geschrieben, durchzuhalten. Stalingrad.
"Guck mal, sie bauen eine Autobahn durch unser Gespräch", sagte ein Mann in einem hellen Anzug.
Ganz hinten in einer Ecke stand Holm. Er entdeckte mich im gleichen Moment wie ich ihn, nahm eine Hähnchenkeule vom Fensterbrett und schleuderte sie quer durch den Raum. Sie schlug hinter mir im Türrahmen ein. Ich zeigte ihm den Mittelfinger. Er drehte sich zu Cornelius um und steckte ihm die Zunge in den Hals.
In den Fenstern hing ein erster Lichtschein, der Morgen dämmerte. Ich dachte, es wäre eine gute Idee, schlafen zu gehen. Allein ich konnte mein Bett nicht finden. Ich öffnete alle Türen auf dem Gang und weckte alle Leute, bis ich merkte, daß ich im falschen Stockwerk war. Hinter einer trapezförmigen Tür ging eine Wendeltreppe hoch. Mit beiden Händen am Geländer kam ich wie ein Flaschenzug nach oben, es war ganz dunkel. Ein Dachboden, Staub und Glaswolle. Ich tastete mich auf einen schwachen Lichtschein zu und stieß gegen eine Aluminiumleiter, da kletterte ich hinauf. Ich öffnete eine Klappe über mir und stand mit einem Mal hoch oben über dem Schloß, über dem Dorf, über den Feldern und allem anderen auf einer kleinen, runden Plattform auf dem Dach. Die Luft war angenehm kühl und durchsichtig. Auf der einen Seite des Himmels war noch schwarze Nacht, auf der anderen wurde es hell. Blau übertaute Felder und Wiesen lagen rechteckig bis an den Horizont, alles glitzerte. Wie immer, wenn ich einen solchen Morgen sah, was nicht allzu häufig vorkam, hatte ich diese unangenehmen religiösen Gedanken. Ich fühlte mich wie ein Dreck im All. Jeder Tautropfen war unvergänglicher als ich. Eine Welt ohne Mitgefühl.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich da stand. Irgendwann hörte ich Schritte, und der Kopf des Studenten, den wir besoffen ins Bett geschleift hatten, tauchte in der Bodenluke auf. Er sah jetzt nicht wesentlich gesünder, aber etwas wacher aus als vorhin, holte seine Sonnenbrille aus dem Haar und stellte sich neben mich. Die Sonne hob sich über den Horizont, und alle Bäume und Sträucher bekamen eine rote Seite und eine türkise. Der Mann legte wortlos seinen Arm um mich. Irgendwo bellte ein Hund.

"Zentrale Intelligenz Agentur" erscheint im Frühjahr 2007 im Erzählungsband "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" bei Eichborn Berlin.