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Bericht von den niedlichen jungen Männern

Kathrin Passig

Also, das war so: Als ich ankam, waren erst ungefähr sieben Leute da, davon einige immerhin attraktive und magere, modisch gekleidete junge Männer und die eine oder andere gutaussehende Frau. Und sie unterhielten sich, es war wirklich fast gar nicht zu begreifen, darüber, warum "Asyndeton" auf der drittletzten Silbe betont wird, "asyndetisch" dagegen auf der vorletzten. Allerhand kluge Reibelautverschiebungs- und Kontinentaldriftargumente wurden ins Feld geführt, und niemand schien es auch nur im geringsten seltsam zu finden, dass Frauen anwesend waren und man nicht über Rechner sprach. Aber curiouser and curiouser, nachher kamen noch viel viel mehr Frauen, und die jungen Männer waren alle dünn und jünger als ich.

Ich führte zu diesem Thema eine Diskussion mit einem nicht mehr ganz so jungen Mann namens Geppard, der aussah wie ein Ex-Junkie (u.a. ein fehlender Schneidezahn), aber gerade Latein, Griechisch und Etruskisch lernt oder so und ausführlich über "muta cum liquida" extemporieren konnte. Ich verlieh meiner Vermutung Ausdruck, der Gastgeber habe seine Seele Satan verschreiben müssen, um derart viele Frauen anzulocken. Geppard sagte "Nein, das geht mit rechten Dingen zu, der kriegt immer alle Frauen rum". Ich sagte "Rumkriegen ist einfach, aber Frauen dazu bewegen, auf Parties zu erscheinen, das ist schwierig" und er sagte "Ich krieg nie Frauen rum, aber auf meine Parties kommen sie immer." Dann ging er ein Bier holen, ich wartete seine Rückkehr aber nicht ab.

Überhaupt war es ein Abend der sonderbaren Vornamen: nicht genug damit, dass der Gastgeber Holm hiess, es gab auch einen Ivo, einen Theiss und eine Ira. Ich glaube, das liegt daran, dass nur Leute Journalisten, Autoren und Comiczeichner werden, deren Eltern schon komische Geisteswissenschaftler waren. Apropos Comiczeichner: es waren mehrere Mitarbeiter einer Zeitschrift mit dem hübschen Namen "Luke & Trooke" anwesend. Ich sagte zu Ira, ich hätte auch eine Verlobte namens Ira, und ich hätte nicht gedacht, dass es davon zwei gebe, aber sie hörte nur "Ira" und brach in einen geübten Monolog aus "ja das ist ein Name es ist einer aus der Bibel man kann so heißen ich hab mir das auch nicht ausgesucht nein es ist keine Abkürzung" und ging.

Die Party fand auf drei Stockwerken statt, deren unterstes die Wohnung des (übrigens sehr niedlichen 26-jährigen) Gastgebers war, darüber kam dann der ehemalige Wasch- und Trockenboden, der das Bier enthielt, und ganz darüber konnte man, haha! über eine Leiter aufs Dach steigen. Das war nicht etwa ein dafür vorgesehenes Dach, sondern nur so eins, von dem der Kaminkehrer nicht sofort runterfallen sollte. Im Verlauf des Abends tat ich auch auf diesem Dach pubertäre Dinge und wanderte angetrunken praktisch über die ganze Oberseite von Friedrichshain. Und das bei Vollmond, es war schon sehr spektakulär. Natürlich waren die niedlichen jungen Männer in der Hauptsache mit ihren Freundinnen erschienen und mussten schon gegen drei wieder gehen, aber egal, es waren überhaupt welche anwesend, und das in großer Zahl, und es wurde finnische Volksmusik aufgelegt und derlei mehr. Ich trank stetig vor mich hin, so dass ich zwar nicht richtig betrunken wurde, aber das Recht erwarb, mich gepflegt danebenzubenehmen. Ich freundete mich mit einer kurzhaarigen Ulrike an, die sich betrunken ganz skrupellos danebenbenahm, wovon ich mich anstecken ließ. Gemeinsam beschuldigten wir alle Anwesenden, ihre noch fast volle Schachtel West entwendet zu haben "langhaarige Verbrecher!", aber das Kraut schüttete ich erst aus, als ich über einen gänzlich unattraktiven Ralf, dem sie wohl schöne Augen gemacht und den sie dann stehengelassen hatte, lautstark bemerkte "und überhaupt, hörst du, wie er die ganze Zeit "ich sach mal" sagt? das ist ein Ossi!" Das wurde mir allgemein verübelt und kurzzeitig erhob sich streitlustige Stimmung. Jener Ralf nahm mich etwa eine Stunde später beiseite und erklärte mir weinerlich, aber aufsässig, sowas würde sich halt leicht sagen, wenn man auf der Gewinnerseite stehe, und überhaupt würden sie in Braunschweig viel öfter "ich sach mal" sagen. Schnickschnack. Außerdem machte ich mich bei der Freundin des Gastgebers unbeliebt, indem ich sein Bücherregal schmähte. Das sei so eine uneklektische Tucholsky-Gernhardt-Kraus-Ansammlung, da fehle ja wohl mindestens ein Regalbrett Stephen King, um ihn sympathisch zu machen ... in diesem Sinne. Ich ließ mich hinreißen. Womöglich werde ich nicht wieder eingeladen.

Meistens saß ich aber auf dem Dach herum, fiel mit Ulrike zusammen knutschenden Pärchen auf die Nerven "he, dreht euch doch mal mehr nach hier, man sieht gar nichts!" - "ach, der ist das" - "wie, der niedliche Schauspieler?" - "ach was, so niedlich ist der gar nicht". So ungefähr ging das, eine Schande waren wir. Kaum waren wenige Minuten vergangen, waren irgendwie auch schon wieder alle Leute weg und es war fünf Uhr. Jetzt waren nur noch der sturzbetrunkene Gastgeber, seine Freundin, mein Einlader Zunge, Ulrike und ich anwesend. Ulrike lud mich, nachdem sie von meiner Verlobten Ira erfahren hatte, zu sich nach Hause ein, sie wohne gleich um die Ecke, ich wandte aber ein, ich hätte mir gar nicht die Beine rasiert. Sie sagte, es geschehe ja auch nur in aller Unschuld. Der Gastgeber verabschiedete sich de luxe von mir, indem er mir betrunken den Nacken abküsste (von hinten), und schließlich blieben nur noch der attraktive Illustrator Zunge und ich übrig. Wir küssten uns dann auch ein wenig (er hat ganz dicke Lippen wie Sofapolster, die mir irgendwie bekannt vorkamen, zugegeben war ich eigentlich immer betrunken, wenn ich ihn getroffen habe, aber ich kann mich partout nicht dran erinnern, wieso mir seine Sofapolster bekannt vorkommen sollten), stiegen noch mal aufs Dach, wo es schon wieder sehr hell war und gingen dann nach Hause. Also, wir wollten nach Hause gehen, aber unsere Rucksäcke lagen in der mittlerweile verschlossenen Gastgeberwohnung, so dass wir ihn noch mal rausklingeln mussten. Er kam in einer gestriffenen Unterhose und mit einem niedlichen Speckröllchen um die Mitte an die Tür getorkelt, ich kniff ihn ins Speckröllchen und er taumelte wieder ins Bett. Dann gingen wir, ohne große Pläne gemacht zu haben, und als ich an der nächsten Straßenecke "eigentlich muss ich jetzt da lang" sagte, erhob Zunge keine Einwände. Er ist sowieso ein wenig seltsam ... eigenbrötlerisch, wie die bildenden Künstler ja gern mal sind, und meine Kollegen behaupten, er sei urnisch. Egal, es war ein rundum gelungener Abend.

Dieser Bericht über Holm Friebes 26. Geburtstag entstammt einer Mail von Kathrin Passig an Ira Strübel aus dem August 1998.