Zentrale Intelligenz Agentur

Die hedonistische Kompanie

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Die Wizards of ZIA

Christian Y. Schmidt

Nachdem man sich am Freitag, den 24.11.2000, zum ersten Mal an einem geheimen Ort in der Kreuzberger Oranienstrasse getroffen hatte, um "so etwas wie eine Textagentur zu gründen", überredete mich Holm Friebe, in den Film "Nurse Betty" zu gehen. Der Film ist sehr schön, auch weil sich Produktionsdesigner Charles Breen für den Look des Dekors von Victor Flemmings Verfilmung von "The Wizard of Oz" (1939) inspirieren ließ. Das wusste ich aber damals nicht, denn damals gab es noch kein Google. Aber vielleicht wusste es Holm Friebe?

Ich hatte Holm Friebe Anfang der Neunziger kennen gelernt, nicht in Oz, sondern in Münster, was – wie ich später glaubte - gleich daneben liegt. Ich wollte ihn eigentlich gar nicht kennen lernen, sondern eine blonde Frau, die wie Tiiu Kuik aussah, nur anders und besser. Ich sollte diese Frau nicht bekommen. Dafür bekam ich Holm Friebe, dem ich in dieser Nacht, berauscht von Tiius Gegenwart, meine private Telefonnummer gegeben hatte.

Ein paar Wochen später hatte Holm Friebe eine Praktikantenstelle bei dem Magazin, bei dem ich damals arbeitete. Ich hatte sie ihm besorgt, weil er sehr gut telefonieren konnte: In die häufigen Telefonate, die er nach dem Abend in Münster mit mir führte, flocht er immer wieder beiläufig Informationen über Tiiu ein, die "übrigens schön grüßen lasse". Erst als er die Stelle hatte, fand ich heraus, dass Tiiu jetzt seine Freundin war. Er hatte sie noch am selben Abend abgeschleppt.

Mit dem Magazin-Job begann Holm Friebes unaufhaltsamer Aufstieg im deutschen Medien- und Kulturbetrieb. Immer öfter, wenn ich irgendwo im Land bei einer Zeitung, einer Nachrichtenagentur, einem Verlag anrief, meldete sich am Telefon: Holm Friebe. Der Mann begann mir unheimlich zu werden. Wie konnte er überall sein?

Ich beschloss, die Sache offensiv anzugehen. Eines Tages, auf einer großen Veranstaltung in Köln, erklärte ich dem Massenpublikum, Holm Friebe sei mein Ziehsohn; ich hätte ihn soeben adoptiert. Das war mein Ernst. Ich wollte ihm alles beibringen, was ich selber wusste, und nahm ihn von nun überall mit hin. Bald stellte ich fest, dass ich Holm Friebe gar nichts lehren konnte. Als wir später mal zusammen fürs Fernsehen arbeiteten, sagte er ganz automatisch Sachen wie: "Ich habe das Gefühl, das Format ist endlich bei sich selbst angekommen." Das konnte ich nicht.

Holm Friebe besaß auch fast alles. Oder kennen Sie jemanden, der eine von Andy Warhol signierte Weinflasche hat? Holm Friebe musste sich das Autogramm schon als Kind geholt haben. Und dann war da immer noch Tiiu, die manchmal vorbeikam. Einmal gingen wir drei zusammen an einem See schwimmen. Tiiu fuhr mit mir auf dem Motorrad – Motorradfahren ist das einzige, was Holm Friebe nicht kann – und presste sich eng an mich. Das war am 9. August 1998.

Knapp vier Jahre später, am 6. Februar 2002, klingelte das Telefon in meiner Berliner Wohnung. Dran war – wer sonst – Holm Friebe, der mir verkündete, dass jetzt sehr bald die Agentur ganz offiziell gegründet würde; ich müsste da unbedingt mitmachen, als irgendwas. Ich äußerte Bedenken, denn ich war von Jugend an ein Feind des Agenturwesens gewesen, doch Holm Friebe wischte sie vom Tisch: Die "Zentrale Intelligenz Agentur", sagte er, sei ein ganz neuer Typ von Agentur, die Parodie einer Firma. Sie wolle auch gar kein Geld machen, höchstens virtuelles, das Ganze sei also letztlich ein Witz. Als er das sagte, liefen im Fernsehen "Die Simpsons", und zwar die Folge, in der Marge schwanger ist, und sie und Homer heiraten müssen.

War das ein Zeichen? War ich Marge, und Holm Friebe – der sich mit ihm ja fast den Vornamen teilt – Homer Simpson? Noch war nichts entschieden. Doch eine Woche später hatte die ZIA – zu der jetzt auch Kathrin Passig, Jörn Morisse und Natascha Podgornik gehörten – ihren ersten Auftrag, von einer echten Firma und für echtes Geld. Damit wollte ich nichts zu schaffen haben.

Ich war immer noch gegen den Kapitalismus. Wohl um mich milde zu stimmen, sagte Holm Friebe einfach, das sei er auch, und ging mit mir am 1. Mai 2002 auf die Demo. Am S-Bahnhof Jannowitzbrücke stellte er sich auf einen zwei Meter hohen Lüftungsschacht und las einer jungen Autonomengemeinde laut aus Michael Hardts und Toni Negris Buch "Empire" vor. Das Publikum war sehr angetan; es bestand hauptsächlich aus jungen rothaarigen Französinnen.

Auch wenn alles wie von Godard gefilmt aussah: Der junge Agitator mit den Wuschel-Haaren, die müde Berliner Maisonne am Himmel, im Off die Polizeisirenen, mich wollte der Auftritt nicht so recht von Holm Friebes Antikapitalismus überzeugen. Er konnte vielleicht die jungen Dinger täuschen – knapp siebzehn oder sechzehn waren sie –, aber nicht mich. Viel zu oft hatte er mich in letzter Zeit aus noblen Zürcher Villen angerufen, von Partys in Lugano oder von "Dreharbeiten" in Guatemala. Außerdem war er schon lange nicht mehr mit Tiiu zusammen.

Am 20. Mai 2002 war ich drauf und dran, mit Holm Friebes heraufdämmernden Empire zu brechen. Die ZIA hatte bereits den nächsten großen Fisch an Land gezogen, weshalb am Behindertensee bei Lobetal gebrainstormt wurde. Ich machte mich darüber lustig ("Ja, alles nur ein Witz"), was auch gleich zu dem gewünschten Streit führte. Zurück in Berlin, kam es dann in Holm Friebes Wohnung zur Katastrophe. Irgendetwas zwang mich in dieser Nacht, nach der Andy Warhol-Flasche zu greifen und mit ihr zum Spaß zu jonglieren. Keine fünf Sekunden später lag sie am Boden: der kostbarste Besitz meines Ziehsohns zerstört für alle Zeiten.

Ich weiß bis heute nicht, wie es dazu kommen konnte. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass etwas im Spiel war, das kurzfristig Macht über mich gewonnen hatte: Irgendeine unerklärliche Kraft, etwas Magnetisches, ein Energiesturm. Doch wo kam der her? Ich konnte das nie klären. Fest aber stand: Ich war jetzt in Holm Friebes Händen. Meine Opposition gegen "das Projekt" gab ich sofort auf. Ich war nur noch ein mattes Fähnchen: Holm Friebes Marge, oder nein, wenn man’s genau betrachtet, wohl doch eher sein Homer Simpson.

Ich ließ mich alsbald im Auftrag "der Firma" nach Asien schicken, erst nach Singapur, dann nach Peking, wo ich seitdem die asiatischen Märkte erschließe; neulich war ich auf einer Investorenkonferenz unten in Vietnam. Zu Hause aber wuchs die ZIA wie im Monsun die Gummibäume. Ausstellungen wurden organisiert, die "Berlin Bunny Lectures" produziert, Kampagnen initiiert und gestaltet, Kolumnen in den feinsten Blättern geschrieben und wie nebenbei Deutschlands teuerstes Weblog ins Netz gewuchtet, mit Korrespondenten in fast allen fünf Erdteilen. Bald stellte sich heraus, dass Medienwizard Holm Friebe dafür die Pläne schon seit Jahren in der Schublade liegen hatte. Von wegen: Parodie einer Firma. Das war letztlich ein ziemlich raffinierter Trick gewesen, genauso wie – wie ich mittlerweile vermute – die Sache mit Andy Warhols Flasche.

Aber natürlich hat Holm Friebe das alles nicht allein geschafft. Ich wette, rein gar nichts wäre realisiert von Holm Friebes wahnwitzigen Plänen, würde Kathrin Passig nicht zufälligerweise existieren. Von ihr ist hier nur deshalb kaum die Rede, weil sich Kathrin Passig kaum beschreiben lässt, ohne dass man in Gefahr gerät, sich in Gefasel zu verlieren. Man kann Kathrin Passig lesen: Sie schreibt sehr gut. Aber eigentlich muss man sie sehen und hören. Wie sie mit immer gleich gelassener Stimme irgendeinen Unsinn mit einer knappen Bemerkung so abserviert, dass der, der widerspricht, eigentlich schon wissen müsste, dass er verloren hat, wenn er nur denken könnte. Aber gegen Kathrin Passig sind die meisten von uns Vogelscheuchen, die sich sofort nach Oz aufmachen sollten, um sich endlich ein Gehirn zu besorgen.

Die ZIA wäre sicher auch viel weniger ohne die brillanten Drillinge Phillip Albers, Jörn Morisse und Cornelius Reiber und den Hausgrafiker Martin Baaske, der die Grissel-Animation erfunden hat, die noch Geschichte machen wird. Und Tiiu Kuik? Ich sah sie noch ein einziges Mal, auf einem Dach in Berlin, um fünf Uhr morgens. Das Dach gehörte Holm Friebe, Tiiu Kuik nicht mehr. Ich stand dort oben alleine, besoffen, und sah zu, wie der nächste dumme Morgen heraufdämmerte. Plötzlich kletterte Tiiu durch die Dachluke. Ich schätze, sie war so betrunken wie ich. Es stand ihr großartig. Sie ging auf mich zu und in der nächsten Sekunde knutschten wir wie die Doofen.

Keine Ahnung, was passiert wäre, wenn nicht zehn Minuten später ihr neuer Freund seinen Kopf durch die Luke gesteckt hätte. Selten sah ich einen verblüffteren Gesichtsausdruck. Er sah so aus als sähe er, doch, ja, das ist, was ich glaube, denn ich sah ihn selbst ganz klar in seinen Augen gespiegelt: den Wizard of Oz irgendwo über dem Dach in den Wolken toben. Ich danke dem Dach von Holm Friebe für diesen Anblick. Und für alles andere auch.

"Die Wizards of ZIA" ist das Nachwort des 2006 im Verbrecher Verlag erschienenen Buchs "Das nächste große Ding" von Kathrin Passig und Holm Friebe.